Ich fühlte mich, als wäre ich aus einem Traum aufgewacht. Ich lag im Wald am Rande der Salamandersteine – und ich war mir sicher, die vergangene Zeit nicht verschlafen und verträumt zu haben. Aber genau so erschien es mir. Nur das ich mich viel zu intensiv an diesen Traum erinnern konnte, und die Erinnerung verblasste auch nicht mit der Zeit.
Ich war allein, von meinen Gefährten keine Spur, obwohl ich erst einmal einen Tag lang nach ihnen suchte. Ich brauchte einige Tage mich zu orientieren und zurück in die Zivilisation zu finden. Die Salamandersteine waren doch auf ihre eigene Art ein Urwald. Aber ich war ja nicht zum ersten Mal in der Wildnis. Und nachdem ich einfach begann einem Bach zu folgen der unweigerlich in den Neunaugensee münden würde, war es auch nicht schwierig in die Lande der Menschen zurück zu finden. Elfen wollten sich aber keine Zeigen.
Da ich nichts mehr weiter zu tun wusste machte ich mich von Donnerbach auf nach Trallop, wo ich noch Bericht erstattete, bevor ich beschloss über Gareth zurück nach Kunchom zu Reisen. Wir gingen einfach davon aus, dass die anderen ähnlich wie ich früher oder später aus ihren „Träumen“ erwachen würden und von selbst die Elfenwälder verlassen würden. Dort nach Ihnen suchen zu wollen wäre vermutlich vergebene Liebesmüh gewesen.
Mit Pferd und Maultier machte ich mich auf den Weg und hinterließ die bitte, mir eine Nachricht nach Gareth oder Kunchom zu senden, wenn die anderen wohlbehalten zurückgekehrt waren. Hier auf der Straße blieb ich auch nicht lange allein. Bereits nach kurzer Zeit kam ich an eine Stelle, wo gerade eine Rotte Orks versuchte den Zug eines Händlers mit seiner Bedeckung zu überfallen. Der klassische Baumstamm auf der Straße um die drei Wagen aufzuhalten. Ich hatte nicht den Eindruck das sie zwingend meine Hilfe gebraucht hätten. Aber es gehörte sich ja trotzdem seinen Mitmenschen beizustehen – also Ritt ich an einen der Orks heran der meinte sich verstohlen im Hintergrund anschleichen zu müssen und fällte ihn mit zwei kräftigen Hieben meines Streitkolbens. Sie dankten mir und wir setzten den Weg gemeinsam fort, da sie ebenfalls gen Gareth fuhren. Sie transportieren Baumaterial für den Wiederaufbau und meine Belohnung für die Hilfe war ein Baumstamm. Mal sehen, ob ich diese Belohnung überhaupt in Anspruch nehmen würde. Warum wir allerdings den gefährlicheren Weg über Wehrheim nahmen und nicht den leichteren, wenn auch weiteren über Greifenfurth erschloss sich mir nicht.
Viel interessanter war jedoch, dass sich in dem Tross eine Dame befand die ich kannte. Die Heilerin Yazinda mit der ich schon einmal auf der Spur der Wolfsfährte in Schwarztobrien unterwegs gewesen war reiste mit dem Händler. Und auch wenn es schon etliche Jahre her war das wir uns zuletzt gesehen und dann aus den Augen verloren hatten, war ich doch hocherfreut über das bekannte Gesicht. Die Reise verlief aber ansonsten im Rahmen der üblichen Unannehmlichkeiten in der Wildermark ohne besondere Vorkommnisse.
Es war anfang Rondra als wir in Gareth ankamen. Ich lud Yazinda ein in meinem Haus ein Gästezimmer zu beziehen und meine überraschte Haushälterin eilte sogleich auf den Markt um alles für ihr berühmtes Schmorhühnchen für das Abendessen zu besorgen. Die anderen Männer, die man mittlerweile im Haus einquartiert hatte, Nuri Sahin und Fringlas Seehof, waren leider nicht in der Stadt. Das wäre sicher ansonsten ein spannender Abend geworden.
Es war schon am nächsten Tag, ich wunderte mich woher das so schnell bekannt wurde, dass mich ein Brief erreichte. Der Verfasser, so dass denn sein richtiger Name war, war mir jedoch unbekannt – ein Drego von Angenbruch. Wunderlich war nur, dass er, wenn auch nur Andeutungsweise über meine bisherigen Aktivitäten, selbst die im Verborgenen für das Reich ausgeführten, irgendwie Bescheid wusste. Kurz gesagt wurde mir angetragen zu beginn des Traviamonds in der Rolle eines Teilnehmers als stiller und unauffälliger Beobachter wider das borbaradianische Geschmeiß am 76. Donnersturmrennen zum Wohle des Reichs teilzunehmen. Dies alles sollte im Namen des Reichs, der jungen Kaiserin und der Letzten Schwadron erfolgen, so wie ich mich schon einmal um die Kornquerelen gekümmert hatte. Auch wenn ich wohl diesmal unter meinem eigenen Namen würde auftreten können. Ich würde mir sogar noch eine geeignete Begleitung aussuchen dürfen, die sich am besten mit den Sitten der Maraskanern – warum auch immer – auskennen sollte, aussuchen dürfen. Nun, was für ein Glück, das ich da gerade Yazinda zur Hand hatte… mein Kontaktmann, wenn ich mein Einverständnis gab, wäre der Custodus des Museums für Reichsgeschichte.
Natürlich war ich einverstanden. Wenn meine Kaiserin ruft, würde ich ihr auch in einem Kriegszug in die Niederhöllen folgen. Da war die Teilnahme an einem Wagenrennen keine Frage. Und allein die Ehre an diesem Rennen teilnehmen zu dürfen war ja schon mehr als Lohn genug. Auch wenn mir meine Rolle dabei noch etwas unklar war, denn einen Streitwagen fahren konnte ich natürlich nicht. Wie sie sich das vorstellten, ob ich auf dem Wagen dann mitfuhr oder nebenher ritt, würde sich erst noch zeigen müssen.
Wir gingen am nächsten Tag ins Museum, vorgeblich wollte ich Yazinda, die ich noch nicht eingeweiht hatte, die Geschichte der Stadt zeigen. Der Custodus war ein Mann mittleren Alters, der mit uns zunächst wenig anfangen konnte, als wir nach verschiedenen Exponaten fragten. Als ich jedoch meinen Namen nannte und ihn von einem gemeinsamen Freund grüßte wandelte sich sein Verhalten von einem auf den anderen Augenblick. Yazinda war erstaunt über die Ehrerbietung, die er mit einem Mal entgegenbrachte – und ich im Übrigen auch! Aber da er nun die Führung übernahm, er hatte wohl den Auftrag erhalten uns weiterzureichen, wand ich nichts weiter ein. Er führte uns aus dem Museum fort durch die Stadt und brachte uns zur berühmten Stellmacherei Ferrara. Das hätte mich nun wenig gewundert angesichts der Aussicht eines Wagenrennens. Aber wen uns diese berühmte Wagenschmiede nun an die Seite stellte, das weckte doch meine Neugier.
Wir wurden dann nach und nach allen weiteren Beteiligten vorgestellt, nachdem ich Yazinda als Auswahl meines Vertrauens präsentiert hatte und sie zustimmte mich zu begleiten. Zunächst war da Arbol Ferrara, der anscheinend das Unternehmen leitete und auch der Konstrukteur des Wagens war, den wir bald zu sehen bekamen. Seine kindliche Begeisterung für sein Meisterwerk fand ich erfrischend. Das Gesicht, also Aushängeschild, unserer Renngruppe kam für mich überraschend. Ein junger angehöriger des albernischen Fürstenhauses ui Bennain namens Callen. Wo und wie man ihn wohl eingekauft hatte? Aber zumindest schien er aufrechten Herzens zu sein und war für einen hochadligen erstaunlich umgänglich – zumindest solange wir unter uns waren und es nicht öffentlich zugange ging. Ich hatte zwar den Eindruck das er noch etwas grün hinter den Ohren war, aber wie er sich schlagen würde wenn es hart auf hart kam würde ich noch früh genug erfahren denke ich. Zumindest schien er in der Waffenkunst geschult, zumindest wenn es nach dem massiven Zweihänder ging den er über der Schulter trug. Zuletzt stellte uns ein Kerl namens Alrik, der wohl auch irgendwie zu den Ferraras gehörte, unseren Fahrer vor. Einen Zwerg – seit wann fuhren Zwerge denn Streitwagen!? – namens Kugor. Der Kurze war für einen Vertreter seines Volkes ein recht lustiger und offener Geselle und von uns mindestens genauso überrascht, wie wir von ihm.
Als nächstes durften wir unseren Streitwagen bewundern, einen Dreispänner. Ich konnte mir da kein Urteil bilden, ich hatte von Wagen ja keine Ahnung. Aber wenn es ein Ferrara war – Typbezeichnung Ferrara-Blitz – musste er gut sein, oder? Zumindest Kugor als unser Wagenlenker und damit hoffentlich vom Fach schien recht angetan von dem Wagen zu sein. Jetzt ergab sich auch schon unsere Reiseordnung. Kugor würde mit Yazinda, die nicht einmal reiten konnte, auf dem Wagen fahren, während ich mit Callen als Bedeckung nebenher reiten würde.
Wir machten uns bekannt und ich hatte den Eindruck, das wäre eine Truppe mit der das Reisen Spaß machen könnte. Ob wir als Renngruppe auch erfolgreich sein konnten… das würden wir sehen müssen. Ich war ja auch nicht der beste Reiter. Aber dafür ja lernfähig. Wir sollten uns nun einige Dinge aussuchen, um die wir unsere Ausrüstung für die Reise ergänzen wollten. Yazinda, wenig verwunderlich als Heilerin, hatte eine längere Wunschliste an Kräutern und Medizin, die sie gerne mitnehmen wollte. Kugor machte sich mehr um Ersatzteile für den Wagen und Werkzeug sorgen. Mir würde das was mich bisher schon auf so vielen Reisen begleitet hatte genügen. Aber es gab da noch einige Sachen dich ich bei dem Rennen nützlich finden würde. Was man mir aus dem ein oder anderen Grund nicht besorgte waren ein Klappspaten (Kugor hatte schon einen), Orazal (zu teuer) und Goldleim (noch viel zu teurer). Aber ich erhielt eine Holz- und eine Metallfeile, ein Fischernetz, 20 Schritt Schnur sowie 5 Lederschläuche mit jeweils 10 Unzen Hylailer Feuer sowie 5 passende leere Tonkugeln. Sowas konnte man immer brauchen… falls es galt einige unehrenhafte Schwarzländler zu bekämpfen umso mehr.
Wir machten uns zeitig auf den Weg nach Barburin wo das Rennen beginnen sollte und kamen dort am 2. Travia an. Kugor nutzte die Fahrt dorthin um sich mit dem Wagen und dem Gespann vertraut zu machen. Nach allem was ich sag verstand er sich auf sein Handwerkt recht ordentlich. Zumindest an ihm würde es nicht liegen, wenn wir beim Rennen zurückfallen sollten. Callen schien zudem ein besserer Reiter zu sein als ich – also musste ich mir Mühe geben, uns nicht auszubremsen.
In Barburin war schon alles für das bevorstehende Fest der Helden und den Start des Rennens bereit. Eine riesige Menge hatte sich vor den Mauern der Stadt bereits ein Lager gebaut. Wir begaben uns zunächst zum Rondratempel um uns dort als Teilnehmer anzumelden. Das versammelte Volk jubelte uns auf dem Weg durch di Stadt zu und machte respektvoll Platz. Vermutlich hätte ich mich von jedem zu Ihnen setzen und einladen können, und man hätte mich mit Freuden die nächsten Tage bis zum Vollsuff bewirtet – aber ich war ja in besonderer Mission hier. Rondra vergib mir, aber diese sechsarmige Abbildung Deiner… mich erinnerte sie zu frapierend an deinen Widersacher. Ich mochte die klassischen Darstellungen einfach lieber. Hier begegneten wir auch unserem ersten Kontrahenten. Gerborod der Weiße, der anscheinend schon zum dritten Mal an dem Rennen Teilnahm und eigentlich eher ins Altersheim gehörte. Aber dafür noch erstaunlich rüstig war. Und ein fröhlicher Geselle, dem man keine Bösartigkeiten unterstellen mochte. Ich schloss den alten Recken direkt ins Herz. Auch auf ihn würde ich ein wenig aufpassen, damit ihm nichts passieren mochte.
Dann suchten wir uns vor der Stadt einen Platz für die Zelte, der extra für die Rennteilnehmer freigehalten worden war. Dort trafen wir die nächste Teilnehmerin, die mit großem Pomp anrauschte. Und ich war mehr als nur ein wenig beeindruckt – Gilia, die Königin der Amazonen, gab sich die Ehre. Auf der anderen Seite, was wunder, wenn es um ein Rennen zu Ehren von Rondra ging. Vermutlich waren die Amazonen schon immer irgendwie mit von der Partie gewesen, auch früher.
Für den Abend erreichte uns und alle anderen Teilnehmer eine Einladung des Sultans in seinen Palast, wo die Teilnehmer des Rennens offiziell begrüßt und vorgestellt werden sollten. Es war ein Festbankett vom feinsten, das aufgetischt wurde. Und mir schwindelte ob der zahlreichen und illustren Namen die mir um die Ohren flogen wie Vögel. Zusätzlich zu den eher absonderlichen Teilnehmern, die es auch gab. Yppolita von Gareth, eine Rennfahrerin aus dem Hypodrom. HArayan ben Hasrabal, ein Sohn des gorischen Sultans. Kira vom Blautann und Emmerich ohne Land, ein Gespann das wohl eher als Ausenseiter gelten musste. Yorge Rastarson, ein seltsamer Barbar mit Nashörnern statt Pferden. Ein Gespann von Zwergen, bei dem Kugor ganz bleich wurde und erzählte, dass er deren Wagen Probegefahren hatte und sie sogar ein Katapult an Bord hätten. Ein älterer Norbarde Mann namens Sievening mit drei Begleitern, die unserer Truppe nicht unähnlich schienen. Ein Utulu aus dem Süden, der sich Boran der Zerstörer nannte und auf mich zwar gefährlich, aber trotzdem irgendwie eher lächerlich wirkte. Praia vom großen Fluss, eine Rondrageweihte und aus dem Hause vom Fluss und damit so etwas wie Callens natürlicher Feind. Reo Conchobair, ein Bastard des Schwertkönigs und Graf von Winhall, aber damit auch so etwas wie Callens Vasall. Eine Gruppe kleinwüchsiger runzeliger Gestalten, die Kugor voll Verachtung als Grolme identifizierte, wohl das absonderlichste was das Teilnehmerfeld zu bieten hatte. Eine Ifirne von Baliho, ich glaube eine Kriegerin der dortigen Akademie. Zu den seltsameren Gespannen gehörte Savine vom Svellt, eine rothaarige und ziemlich hübsch Maid in meinen Augen, wenn sie nicht einen räudigen Goblin als Begleiter dabeigehabt hätte. Und einige andere, die ich mir in all dem Trubel gar nicht gemerkt hatte. Mir schwirrte regelrecht der Kopf. Und wer davon Freund oder eher Feind war konnte ich mir bei den meisten noch gar nicht vorstellen.
Nach der allgemeinen Begrüßung und Vorstellung entspannen sich an den jeweiligen Tischen bei wirklich exquisiten Speisen und Getränken mehr oder weniger angeregte und freundliche Gespräche, je nachdem wie die Teilnehmer zueinander zu stehen schienen. Die Portionen der verschiedenen Gänge waren allgemein eher klein, aber dafür kamen auch ständig neue Aufgetragen. Da wir wegen Callen am Tisch der hohen Herrschaften saßen fühlte ich mich ein wenig fehl am Platz. Zwischen all den Erhabenheiten, Hochwohlgeboren und Blaublütigen war ich selbst in meiner ordentlichsten Garderobe fast wie ein Bettler am Tisch. Und doch ließ sich die eine oder der andere auch dazu herab auch einmal ein Wort mit mir zu wechseln, so als würde dies durch die Teilnahme am Wettrennen zumindest ein wenig gemildert. Die Amazonenkönigin selbst erzählte uns von Schwarzmaraskanern in der Warunkei, die wohl seit neuestem mit dem Nekromantenrat kooperierten und angeblich hätte man sogar welche in Brig-Lo, also im Herz des Reichs, gesehen, was auch immer diese dort wollten. Ein Zufall vielleicht, dass das Rennen auch dort vorbei führen würde? Aber für mich eigentlich recht nebensächlich, denn wenn sie mir über den Weg laufen würden, gäbe es ohnehin nur noch mit dem Streitkolben den Dialog zu führen. Als ich mich dem Schwert der Schwerter zuwandte um ihr mit leiser Stimme zu berichten, dass es vor Jahren meine Hand war, die Yelnan von Dunkelsteins leben beendet hatte, was ich bisher niemandem außer der Wolfsfährte erzählt hatte, war ich ob der Antwort doch etwas erschrocken. Nicht nur, das Ayla vom Schattengrund darüber bereits bestens im Bilde war und wohl auch deshalb mir gegenüber nicht wie eine Hochgeweihte dem einfachen Mann gegenüber Auftrat, sondern sie wusste anscheinend sogar, was ich in Zhe-Ta vollbracht hatte. Damit war sie wohl nur eine von sehr wenigen auf Dere, die sich dessen bewusst waren, welche Last ich getragen hatte. Kleinlaut und eingeschüchtert setzte ich mich wieder auf meinen Platz.
Es muss der sechste oder siebte Gang gewesen sein, als das Mahl eine unerwartete Wendung nahm. Es gab dabei einen bröckeligen Ziegenkäse mit einer grünen Olive. Und an letzterer verschluckte sich Harayan ben Hasrabal. Hustend und röchelnd beugte er sich vorn über und schien keine Luft mehr zu bekommen. Jaja, Prinz sein, aber zu blöd zum Essen… Ich war der erste der Aufstand und ihm mit einem beherzten Schlag zwischen die Schultern das störende Objekt aus dem Halse trieb. Dabei klirrte es seltsam und ich spürte etwas hartes unter seinem Mantel, vielleicht ein Kettenhemd? Bei einem Zauberer? Das wäre aber seltsam… Aber anstatt sich bei mir zu bedanken begann er zu fluchen, unseren Gastgeber eines Mordanschlags auf sein Leben zu bezichtigen und zog seinen Waqif, einen gekrümmten Dolch nach Art der Novadis. Ich wollte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter legen, spürte noch etwas Hartes wie eine Panzerplatte. Also kein Kettenhemd, ein Spiegelpanzer gar? Meine Hand wurde zurückgeschlagen und ich aufs unflätigste Beschimpft, bis Ayla vom Schattengrund mit Fester Stimme auf den Tunierfrieden hinwies. Der Aufgebrachte prinzliche Popanz verließ daraufhin mit arroganter Geste den Saal – und nahm die bis dahin gute Stimmung gleich mit sich, so dass unser Gastgeber und das Schwert der Schwerter sich bemüßigt sahen das Fest für beendet zu erklären. Schade, ich hätte gern noch etwas gegessen und getrunken, satt war ich nämlich bis dahin nicht geworden.
Das war auch der Grund warum ich im Anschluss mit Yorge Rastarson noch zu einer der Garküchen ging, ihm ging es nämlich genauso. Wir konnten uns zwar nicht unterhalten weil er nur den thorwalschen Dialekt sprach den ich nicht verstand, aber die Gesten für Essen, Trinken, Freund und Feiern sind zum Glück ja recht allgemein verständlich. Als wir zurück kamen herrschte bei unseren Zelten große Aufregung. Insbesondere Kugor stand mit hochrotem Kopf da und wedelte mit einem Brett vor meiner Nase herum. Während wir zur Feier waren hatte sich anscheinend jemand an unserem Wagen zu schaffen gemacht und nicht nur die Achse nahe der Aufhängung angehobelt, sondern auch eines der Ersatzbretter angesägt. Und Yazinda und Callen hatten Butterblumen, die frisch für Pferde giftig waren, in ihrem Futter gefunden. Den Pferden schienen wir das Futter noch rechtzeitig ausgetauscht zu haben, bevor da etwas passieren konnte. Aber Yorges Nashörner schienen dem Geruch nach in der Nacht ordentlich Durchfall zu haben. Ich frage mich nur… wo bekommt man bitte hier unten im Travia frische Butterblumen her? Das war doch etwas seltsam. Und Kugor würde sich jetzt wohl um die Reparatur des Wagens kümmern müssen. Wer auch immer das getan haben mochte… den Tunierfrieden würde ich dieser hinterhältigen Made auf meine ganz persönliche Art angedeihen lassen…
Und damit waren die unangenehmen Überraschungen noch nicht vorbei. Wir stellten nun zur Sicherheit Wachen auf. Aber am nächsten Morgen, als Callen sich wieder um die Pferde kümmerte, war ihr Stallplatz von einer Schaar widerlicher gelbgrüner Mücken bevölkert, die sich insbesondere um ihre Fesseln zu sammeln schienen. Und nicht nur bei uns, im Fahrerlager war dies anscheinend allgemein der Fall. Yazinda, die eilig hinzu kam diagnostizierte einen mishkaratischen Befall der zu Huffäule führen würde, wenn man nichts dagegen tat. Bei den Zwölfen, wo kam das jetzt schon wieder her? Das war sicher ebenfalls kein Zufall…
Um all der Probleme Herr zu werden teilten wir uns nun auf. Ich würde unsere Lager bewachen, auch das unseres Nachbarn Gerborod. Damit den Pferden nichts weiter geschah tilgte ich die Mücken jedoch schon einmal auf die Schnelle mit einer Welle der Reinigung, so dass hier die Gefahr zunächst gebannt war. Callen schickte sich an in den Rondratempel zu eilen um Bericht zu erstatten und das ungeheuerliche Geschehen anzuzeigen. Kugor wollte eine Stellmacherei suchen um die nötigsten Reparaturen in die Wege zu leiten. Und Yazinda ging mit Gerborod in den Perainetempel, um dort Hilfe für die Pferde der Teilnehmer zu finden. Die beiden waren auch die ersten die mit einer Schaar recht aufgebrachter Priester zurück kamen um mit heiligen Kräutern und Rauchwerk die Mücken zu vertreiben. Ich behauptete mit Yazinda zusammen, wir hätten die Mücken mit der Hand erschlagen, die ich mir dann gründlich waschen sollte. Die über Nacht entstandenen Fraßwunden an den Fesseln der Pferde waren allerdings nun ein weltliches Problem, um das sich bei uns Yazinda kümmern durfte. Callen begleitete die Priester um zu sehen, welche unserer Konkurrenten von den Mücken ebenfalls betroffen waren. Wenig verwunderlich, den Nashörnern schienen sie nicht viel angehabt zu haben. Und Ypolitta von Gareth fragte gar nicht nach der Hilfe der Priester. Reo Conchobair schien einen eigenen Magier dabei zu haben, ein Mann in grauer Robe, der das Problem wohl für ihn gelöst hatte. Und Svinja vom Svellt und ihr Goblin schienen ebenfalls nur wenig betroffen gewesen zu sein. Dafür bekam ich hinter einem nahen Zelt einen recht Lautstarken Streit mit, bei dem Ifirne von Baliho Kira vom Blautann als Mörderin bezichtigte, die sie nun der Tunierleitung melden würde.
Kugor kam recht zufrieden zurück und schien alles notwendige für die Reparaturen Zustande gebracht zu haben. Da Yazinda sich die nächsten Stunde um die Beine der Pferde kümmern würde und ich mich erbot die Wache über die Lager weiter zu übernehmen mussten Callen und Kugor nun allein zum angesetzten Rondradienst zur Mittagsstunde gehen, wo die Bedingungen der Wettfahrt verkündet werden sollten. Ich ließ mir dies alles dann im Nachgang von Callen berichten. Die Strecke war, wie ich schon gehört hatte, wohl auf Geheiß Rondras selbst gewählt worden. Allerdings würde es nicht genügen nur als erster ins Ziel in Perricum zu kommen, sondern dort würden vier Fragen zum Leben des Heiligen Leomar zu beantworten sein, deren Lösung man auf dem Weg finden konnte. Die Fragen waren:
1. Was steht geschrieben an jenem Ort, an dem der Heilige Leomar von Baburin den Donnersturm erstmals aus den Händin der Leuin entgegen nahm?
War das nicht sogar hier in Baburin gewesen? Wir sollten nicht abfahren, bevor das geklärt wäre…
2. Was steht geschrieben an jenem Ort, an dem der Donnersturm auf Alverans Geheiß hin geschmiedet wurde?
Hatte nicht Kugor erwähnt das Angrosch, also Ingerimm den Wagen gemacht hatte? Aber natürlich kein Wort davon, wo das gewesen sein mochte.
3. Was steht geschrieben an jenem Ort, an dem der Heilige Leomar von Baburin zu Grabe getragen wurde?
Ich hätte in der Praiostagsschule besser aufpassen sollen… wo war nochmal sein Grab?
4. Was steht geschrieben auf der Scheide des Schwertgehänges des Heiligen Leomar?
Das war jetzt aber wirklich eine Frage… woher sollte man den wissen, wo die Kirche diese Reliquie wieder versteckt hält?
Das Rennen würde am nächsten Tag eine Stunde nach Sonnenaufgang beginnen sollen. Ich würde also vermutlich noch einen langen Nachmittag oder sogar die Nacht in den Archiven des Rondratempels verbringen dürfen um das Leben des Heiligen noch einmal nachzulesen…
Bevor ich mich auf den Weg macht bat ich noch Callen, ob er vielleicht einmal ein Wort mit Ifirne von Baliho wechseln könnte, warum sie Kira vom Blautann als Mörderin bezichtigt hatte. So von Krieger zu Krieger, ich dachte mir, auf ihn würde sie vielleicht eher positiv reagieren als auf mich. Allerdings schien er daran kein besonderes Interesse zu haben. Dann machte ich mich auf in den Rondratempel um ein wenig in deren Schriften nachzuforschen. Yazinda bat mich noch, ihr auf dem Weg getrockneten Belmart zu besorgen, weil sie ihren Vorrat an unseren Pferden aufgebraucht hatte. Aber dazu kam ich den restlichen Tag leider nicht mehr.
Die Idee mit dem Rondratempel, oder besser das fehlende Wissen, hatte anscheinend nicht nur ich. Etliche Rennteilnehmer fanden sich vor oder nach mir dort ein, darunter auch Gerberod und Ifirne, die mich recht arrogant als Bauer bezeichnete, weil ich iin ihren Augen zu wenig Gold in die Opferschale geworfen hatte. Aber während die Dame von Baliho anscheinend eher dem Wettbewerbsgedanken nachhing und ihre Erkenntnisse lieber für sich behielt oder verschleierte, verstand ich mich mit dem alten Gerberod auf Anhieb ziemlich gut. In meinen Augen machte es auch überhaupt keinen Sinn, dass ich eine Schriftrolle fand in der sich vielleicht ein Hinweis fand, während er neben mir stand, diese dann zurücklegte, nur damit er sie ein paar Wimpernschläge später ebenfalls zur Hand nahm. Da konnte ich ihm doch auch direkt sagen, was ich gefunden hatte… alles andere würde unsere wertvolle Zeit verschwenden, oder? Und er sah das anscheinend genau so, deswegen teilten wir unsere Erkenntnisse einfach miteinander. Außerdem mochte ich den Alten, er hatte einen recht guten Humor und wir zusammen irgendwie immer etwas zu lachen. Als ich dann noch meinte, ich würde es ohnehin doof finden, das manche Teilnehmer wie Yorge überhaupt keine Möglichkeit hatten das zu gewinnen, selbst wenn sei vielleicht perfekt fahren würden. Der Gute konnte mit Sicherheit nicht lesen, deswegen würde ich ihm bei Bedarf auch jederzeit helfen und mein Wissen mit ihm teilen. Das fand Gerberod eine gute Geste von mir, meinte gar, das wäre Großzügig und damit eine der ritterlichen Tugenden. Und angesichts der ungeordneten Schriften und deren schieren Masse im Archiv mahnte er mich dann zur Geduld, das wäre die zweite der Zwölf Tugenden. Keine Ahnung was er mit den ritterlichen Tugenden und mir hatte, da wäre er wohl bei Callen besser aufgehoben, aber das schien im ein rechtes Anliegen zu sein.
Manche der Dinge die wir herausfanden waren mir schon geläufig, andere hingegen neu. Und die Rondrianer hatten sich wohl darauf eingestellt Fragen zu beantworten, denn in einem Nebenraum stand ihr Archivar, der Zwerg, für unsere Frage bereit. Das der Donnersturm von Leomar, der übrigens das Vorbild oder der Erfinder für die zwölf ritterlichen Tugenden war, auf den Donnersturmfeldern vor Baliho verdient worden war, war jetzt nicht überraschend. Er war nach Geron dem Einhändigen auch der nächste Träger Siebenstreichs und war wohl nie begraben worden, sondern läge angeblich irgendwo in einem ewigen Schlaf, den Rondra ihm geschenkt hat um seine Erzfeindin, eine schlangenzüngige Zauberin, später erneut zu bekämpfen, wenn Rondra selbst ihn dereinst wecken würde.
In einer der Quellen waren die Worte von einem Rahandra-Priester, der mit Leomar ins Gebirge ging um ihm den Donnersturm zu übergeben. Nach einer Diskussion mit dem Archivar war klar, das ich hier zunächst auf der falschen Fährte war. Ich hatte irgendwie zuerst an Rahja gedacht, aber Rahandra schien eine altertümliche Ausprägung des Rondra-Kults zu sein, und das in der Schrift bezeichnete Mosaik schien sich im Rondratempel von Fasar zu finden, der auf den Fundamenten eines alten Rahandra-Tempels erbaut worden war. Was bedeutete, das Gebirge in das sie gezogen waren müsste der Raschtullswall sein. Aber hier würden wir dann direkt in Fasar wohl mehr erfahren. Hierzu war auch von einer Sphinx die Rede, die Leomar diesen Weg gewiesen hatte. Das würde sicher spannend werden, vielleicht würden wir ja sogar selbst eines dieser mythischen Wesen treffen? Wenn Leomar den Wagen im Raschtullswall erhalten hatte mochte sich dort dann auch etwas dazu finden, wo er geschmiedet worden war. Kugor meint ja ständig, dass sein Gott Angrosch ihn für Rondra angefertigt hätte.
Das Ganze deckte sich dann auch mit einer späteren Erkenntnis. Der Archivar Thorgrim, Sohn des Tuvar wieß uns eine Stunde vor Sonnenuntergang zum Grab des unbekannten Helden zu kommen, dort würde von der Kirche etwas enthüllt. Wir taten wie geheißen, als dort in der Dämmerung unter großem Pomp der steinerne Sarkophag für alle Rennteilnehmer die gekommen waren geöffnet wurde. Er war leer. Die eine Quelle, die darauf verwiesen hatte das Leomar in Barburin bestattet worden wäre, war also irreführend. Blieb noch, das er gar nicht zu Grabe getragen wurde, sondern tatsächlich irgendwo seine heilige schlafende Ruhe gefunden hatte. Bei dieser Enthüllung waren zwar viele, aber bei weitem nicht alle Rennteilnehmer Anwesend. Zumindest Ragner, Savine und der Zerstörer fehlten, wie mir auffiel. Die schlangenzüngige Zauberin interpretierte ich als eine der verkommenen Nachfahren und Erben Borbarads, die ihr Unwesen angeblich nun auf Maraskan trieb. Vor ihr sollten wohl auch die Gerüchte um Leomars letzte Ruhestätte seinen schlafenden Leib vor seiner Feindin schützen, weswegen es nun an uns lag sein wahren „Grab“ zu finden. Damit waren aber auch alle Rennteilnehmer auf einmal Geheimnisträger der Rondrakirche. Zu diesem Thema würden wir weitere Hinweise im Rondratempel zu Alt-Gareth finden. Konnte das denn war sein? Quasi bei mir vor der Haustür? Hätte ich das mal vorher gewusst…
Und zu dem Schwertgehänge, also insbesondere wer es gefertigt hätte, würde wir Hinweise in Brig-Lo finden. Damit war die vorgesehene Reiseroute noch einmal sowohl abgesteckt als auch erklärt. Ich machte mich nach der Zeremonie noch einmal auf und suchte auf den Donnersturmfeldern mit Yorge zusammen, der etwas hilflos wirkte, nach dem Platz, an dem Leomar mit Rondra gesprochen haben könnte. Aber das war gar nicht so einfach, denn auf den Feldern standen Dutzende Schreine. Nach einiger Suche schienen wir den ältesten davon gefunden zu haben. Ein Block aus grauem, verwitterten Stein den eine Inschrift und ein schwarzer Stein zierte. Wie wir es am Ende interpretierten, insbesondere nachdem ich noch Kugor hinzugezogen hatte, erhielt Leomar den Streitwagen wohl wirklich im Raschtulsswall, weil er die Art Steine der da eingelassen war als Quarzglas bezeichnete, das er dort in den Bergen und dem Bergkönigreich seines Volkes schon gesehen hätte. Zumindest schienen sich die zahlreichen Hinweise soweit zu verdichten, dass uns vermutlich der Weg auch dorthin führen mochte.
Während Kugor sich dann darum kümmerte die hoffentlich fertige Ersatzachse abzuholen und einzubauen machte ich mich zu später Stunde noch auf zum Perainetempel. Mir ließen diese Mishkara-Fliegen einfach keine Ruhe. Dort konnte man mir meine Fragen zwar nicht wirklich beantworten, insbesondere nicht zu deren Herbeirufung oder gezielten Lenkung, aber hier hatte man eingesickerte Oronis im Verdacht, das rennen vielleicht aus Prinzip sabotierten. Die Theorie überzeugte mich zwar nicht so recht, allein ich konnte auch keine andere präsentieren, wenn man nicht einem der Rennteilnehmer Dämonenbündlerei vorwerfen wollte.
Als ich zu später Stunde zurückkam war ich rechtschaffen Müde und legte mich eilig zu Bett. Kugor und Callen würden die nächsten Wachen übernehmen. Und das war dann auch das Problem. Anscheinend gab es ein großes Feuer im Fahrerlager, und ich war so müde, dass ich den ganzen Trubel nicht mitbekam. Aber nicht, das eine unserer Wachen es für nötig empfunden hätte mich zu wecken! Nein, das konnte man ruhig ignorieren… Ifirne von Baliho waren Opfer des Brandes geworden, noch bevor das Rennen nun begonnen hatte. Ich war ehrlich zornig mit Callen und Kugor. Hätten sie mich geweckt, ich hätte die beiden vielleicht retten können! Gut, woher sollten die beiden das Wissen, aber trotzdem. Wenn ein Großbrand im Lager tobt lässt man doch niemand einfach schlafen! Als ich mir die Feuerstelle ansah sah sie seltsam aus, so als ob der Brand vom Zelt weg nach außen geflossen war. Ich hatte einen furchtbaren verdacht… und der bestätigt sich, als ich an der erkaltenden Asche roch. Diesen Geruch, dieses Brandmuster kannte ich doch… hier hatte jemand mit Hylailer Feuer gearbeitet! Eilig sah ich nach, aber mein persönlicher Vorrat davon war unangetastet. Rondra sei‘s gedankt, wenigstens deswegen würde ich mir keine Vorwürfe machen müssen, wenn ich schon das Helfen verschlafen hatte.
Eilig packten wir nun unser Lager zusammen und fuhren wie die übrigen Teilnehmer auch zum Start. Dabei stellte ich fest, das Yorge nicht der Einzige mit einem ziemlich exotischen Gefährt war. Einer der Wagen, ein recht leichtes Gerät, wurde von zwei vorgespannten Straußenvögeln gezogen. Und der Wagen der Grolme wurde von Wölfen gezogen! Ich bezweifelte aber ernsthaft, dass solche Dinger einen ernsthaften Ausblick auf den Sieg hatten. Kugor zog aus einem Beutel ein steinchen mit der Nummer 8 darauf, was dann wohl unser Startplatz war, als sich die Teilnehmer aufreihten. Vor uns nahm Boran der Zerstörer in seinem metallverstärkten Zweispänner seinen Platz, hinter uns die Quadriga von Praia vom Fluss mit ihren beiden Begleitern ein. Dann erhielten wir eine Münze mit einer Löwin und dem Wappen von Barburin darauf, die uns als Rennteilnehmer ausweisen würde. In Brig-Lo und Gareth würden wir dann weitere erhalten und diese mit ins Ziel bringen müssen. Dann wies man uns noch einmal darauf hin, dass kein Ersatz von Männern, Frauen oder Tieren während des Rennens erlaubt war. Wir würden also nicht nur gut auf uns, sondern auch auf unsere Pferde achtgeben müssen. Ab dem Start wäre es dann auch erlaubt seine Konkurrenten zu attackieren, nie jedoch die Tiere, immer nur die Teilnehmer und Wagen. Außerdem wäre es verboten stehende oder ruhende Gespanne anzugreifen. Das erste Ziel sollte die Brücke von Revenis sein von wo aus wir weiter nach den Antworten auf die vier Fragen suchten sollten. Zum Start sprach das Schwert der Schwerter ein wortgewaltiges Gebet und über den fernen Raschtullswall ließ Rondra ein gleißendes Wetterleuchten erstrahlen, als wir unsere Pferde mit einem knallen der Zügel in Bewegung setzten. Ein erhebender Moment!
Da wir im Firun der Stadt starteten, aber die Straße gen Revennis und Fasar im Praios lag, mussten wie Barburin umfahren, wollten wir nicht quer hindurch, was bei den Menschenmassen ein schier aussichtsloses Unterfangen geworden wäre. Ohrenbetäubender Lärm von den Zuschauern und Zugtieren erscholl um uns herum, das wie der Donner Rondras selbst wirkte. Praia vom Fluss hinter uns startete sehr schnell und drängte mich auf dem Pferd nach vorne, so dass ich bald neben unserer Kutsche statt schräg dahinter ritt. Kugor hielt die Spur sehr gut und den Abstand zu Boran nach vorne konstant, bis wir den mit Leinen abgespannten Bereich und die zuschauende Menschenmenge verlassen hatten. Über die Schulter sah ich, wie weit hinter uns bereits ein Gefecht zwischen Harajan ben Hasrabal und König Arkos Shah entbrannte. Die beiden Erzfeinde schienen ihren Streit gleich zu Beginn des Rennens ausfechten zu wollen. Vor uns blieb Boran der Zerstörer bei einem Manöver an einem der zahllosen Schreine hängen, aber seinem stabilen, eisenverstärkten Wagen schien dies wenig auszumachen. Es knirschte einmal kurz, dann fuhr er unbeeindruckt weiter. Kugor, der ihm hinterher fuhr rumpelte fast auch noch auf den beschädigten Schrein auf, konnte aber den Blitz noch knapp drum herum steuern. Endlich auf der anderen Seite Baburins angekommen mussten wir uns irgendwo zwischen den zahllosen Bäumen die die Straße nach Revennis säumten in die Allee einfädeln. Gar nicht so einfach, da der Abstand zwischen den Stämmen sehr unregelmäßig war und für unseren Dreispänner meist zu schmal. Wir brauchten etwas einen Pfad zwischen den Bäumen zu suchen, wo unsere Kutsche hindurch passte. Als wir endlich eine aussichtsreich erscheinende Lücke fanden versuchte der Norbarde Dergej Basiliskentöter, vorher 3 Plätze hinter uns, vor uns an der gleichen Stelle zu sein um uns zu schneiden und seinen grobschlächtigen Kastenwagen hineinzuzwängen. Kugor ließ die Zügel schnalzen und beschleunigte, um dies zu verhindern. Da hörte ich ein verdächtiges pfeifen von hinten, ritt einen leichten Schlenker nach links und stieß einen warnenden Ruf aus, ohne genau zu wissen was gerade geschah. Etwas Dunkles flog über mich, fiel vor uns auf den Boden und eine Wolke Staub wogte auf. Mit einem Blick über die rechte Schulter sah ich von hinten, noch vor den noch kämpfenden Fürsten, den Zwergenwagen mit seinem Katapult herangekommen. Das war also kein Witz von Kugor gewesen, sie schienen auf uns geschossen zu haben!
Dergeij schaffte es wegen der nun schlechten Sicht knapp vor uns durch die Lücke und zwang Kugor, sich hinter ihm einzureihen. So fuhren wir erst im hinteren Teil des Feldes in die Allee ein, denn etliche kleinere Wagen hatten sich einfach zwischen den Bäumen hindurchgemogelt. Hinter uns reihte sich Rondrina mit ihrem schmalen Straußenwagen ein, kam aber nicht an uns vorbei, weil Kugor mittig in der Straße fuhr und diese für ihr schnelles Gefährt blockierte. An einer etwas breiteren Stelle setzte Kugor sogar zum Überholen des Norbardenwagens an, aber der Norbarde beschleunigt ebenfalls und fuhr sogar noch mehr Vorsprung. Aber mit der Blitz holten wir dies schnell wieder auf und Kugor schaffte es sogar in einer Kurve links an dem anderen Wagen vorbei zu ziehen. Noch weitere 70 Schritt voraus in einer Staubwolke sahen wir Boran mit seinem schweren Karren fahren. Aber nach dem Sprintrennen gerade eben ließ Kugor unseren Wagen wieder in einen normalen Trab für die Dauerfahrt fallen um die Pferde zu schonen, und auch der Norbarde schien den gleichen Gedanken zu haben und versuchte nicht, erneut an uns vorbei zu ziehen.
Bis zum Nachmittag fuhren in der Hitze des Tages weiter, aber die Bäume der Allee spendeten wenigstens etwas Schatten und verschafften uns mit dem Fahrtwind Linderung. Außen herum war weites, fruchtbares grünes Land mit Äckern, Weiden und Bauernhöfen beiderseits der Straße zu sehen. In der größten Hitze des Tages, gegen die dritte Stunde, sahen wir vor uns am Ulan Barut, ein Fluss der hier das Land zerteilte, ein ummauertes Städtchen neben dem eine mittelreichische Zwingburg auf einem Hügel stand. Das musste Revennis sein, was bedeutete das wir doch ein ordentliches Tempo vorgelegt hatten um die gut 40 ersten Meilen zurückzulegen. Wir umfuhren die Stadt und sahen vor uns eine schmale, eiserne Brücke über den Fluss. Und das sollte es sein? Das war in meinen Augen so ziemlich die dümmste vorstellbare Brückenkonstruktion! Links und rechts der eigentlichen Brücke waren sogar, weil diese an sich viel zu schmal war, Fischerkähnen als Pontons mit weiteren Eisenplatten zu Wasser gelassen und vertäut, um den Rennkutschen die Passage überhaupt zu ermöglichen! Wie sollte das denn im normalen Verkehr eine dienliche Brücke sein? An der Engstelle warteten bereits einige Wagen, einer befand sich gerade auf der Brücke, während sich jenseits schon eine Staubwolke entfernte. Anscheinend wollte niemand das Risiko eingehen mit zwei Gefährten gleichzeitig die schwankenden Pontons zu befahren, auch wenn der Fluss hier nur etwa 15 Schritt breit war. Borans Schergen direkt vor uns legten mit Bögen und Speeren Sperrfeuer auf die Brücke, während Thesia Gilia von Kurkum darüberfuhr. Aber von so einer Lappalie ließ sich die Amazonenkönigin mit ihren tapferen Mädels natürlich nicht wirklich beeindrucken. Hätte Boran sich das im laufenden Rennen auf offener Fläche erlaubt, ich vermute die Amazonen hätten ihn einfach aus dem Weg geräumt… Direkt vor der Brücke stand Praia vom großen Fluss und wartete darauf, dass sie auf die Brücke kam. Yorge schien interessanterweise mit seinen Nashörnern schon auf der anderen Seite zu sein und schirrte diese gerade wieder an. Er hatte die massiven Biester wahrscheinlich einzeln hinüber bugsieren müssen.
Wir schlossen nun nach vorne auf, wurden aber von Boran und seinen Schergen dabei nicht angegriffen und mussten deswegen auch den Frieden wahren – keine stehenden Gespanne angreifen... Schade. Das wäre eine gute Gelegenheit gewesen den Unsympath aus dem Rennen zu nehmen. Als Gilia drüben war setzte Praia ihr Gefährt in Bewegung und fuhr wackelig und langsam ebenfalls hinüber. Die erweiterte Brücke reichte gerade so aus für ihr Gefährt. Als danach Boran hinüber setzte ging ich mit Callen direkt hinter ihnen her, weil Kugor ein schlechtes Gefühl hatte und hinterhältige Absichten vermutete. Und er sollte recht behalten! Kugor kümmerte sich um die Ferrara mit den zwei abgeschirrten Außenpferden während Yazinda mein und Callens Pferd an den Zügeln führte. Der Gladiator, der Boran auf dem Wagen begleitete, stieg noch während der Überfahrt ab und rannte ans andere Ufer. Boran schnalzte die Zügel und fuhr etwas flotter los noch während er auf der Brücke war. Der Gladiator fing, kaum das er das Ufer erreicht hatte, an auf die Seile der Pontons einzuhacken. Was für ein Hund! Abr er bekam, was er verdiente. Callen schoss ihm erstaunlich geschickt einen Pfeil ins linke Bein. Ich sprintete los um aufzuschließen und die Gelegenheit zu nutzen, wenigstens einen der Begleitfahrer aus dem Rennen zu nehmen. Aber Boran und seine Schergen stellten sich dem Kampf nicht, sondern flohen unverrichteter Dinge und verschwanden vor uns in einer Staubwolke, während Kugor noch den Blitz über die Brücke führte.
Er hatte dabei ernste Probleme den nur mit vom Mittelpferd gezogenen Streitwagen wegen der hinten angebundenen Pferde herüber zu bekommen, hielt die nervösen Tiere aber mit der Peitsche irgendwie in der Spur. Hinter ihm kam der Norbarde mit seiner Mannschaft, wartete aber friedlich. Als nächstes stellte sich der dreiachsige Zwergenwagen mit den Ponys davor in die Reihe. Das Zwergengespann schoss erneut mit dem Katapult, diesmal knapp vor Kugors erstes Pferd. Wieder wallte eine starke Staubwolke auf. Unsere Pferde erschraken. Das hinterste Pferd rutschte von der Brücke ins Wasser, nur 4 Schritt entfernt vom Ufer entfernt. Das würde ich diesen miesen Zwergen heimzahlen! Ich sprang spring zu unserer Kutsche und schnitt das Pferd vom Wagen los um zu verhindern, dass es diesen mit sich von der Brücke riss. Dann sprang ich zu ihm in den Fluss und zog es in Richtung der Böschung. Dort angekommen sah ich mir die Überreste des Geschosses der Zwerge an. Ein aufgeplatzter mit weißem Pulver gefüllter Beutel. ‚Fein gemahlene Kreide. Kein Wunder, dass es so staubte. Dergeij setzte unterdessen ebenfalls über. Da seine Pferde nur zu zweit nebeneinander angespannt waren ohne diese abzuschirren. Er sagte noch im Vorbeifahren lachend zu Yazinda „Rennen gewinnt man nicht im schneckentempo“ und schob diese dabei mit unseren von ihr geführten Pferden vorwärts. Dann zog er davon, während Kugor unser Gespann noch fertig machte.
Die Straße auf dieser Seite des Flusses stellte sich als deutlich schlechter heraus, als wir endlich wieder losfuhren. Sie war hier nicht mehr gepflastert, sondern nur noch geschottert. Es war schon spät am Nachmittag, fast schon Abend, als wir hinterherfuhren. Allerdings fuhren wir auch nur noch zwei Stunden weiter bevor wir ein Lager machen wollten, die Pferde sollten sich ja nicht gleich am ersten Tag völlig verausgaben. Das Rennen würde noch lange genug werden. Das Land wurde hügeliger und staubiger je weiter wir fuhren, aber zum Abend hin fanden wir eine Karawanserei zum Einkehren die etwas abseits der Straße auf einem Hügel lag.
Dort standen bereits mehrere Wagen. Die Zwerge schirrten gerade die Ponys aus. Auch Dergeijs Kastenwagen war da. Der Zwergenwagen, den ich nun das erste Mal richtig Gelegenheit hatte in Augenschein zu nehmen, hatte eine glatte, geschlossene Oberfläche. Eine offene Lucke oder gar einen herausragenden Löffel konnte ich nicht erkennen. Kugor erläuterte mir, dass sich die Decke in der Mitte geteilt war und sich mit einem Mechanismus nach innen einklappen ließ. Ich hätte gern einen Nagel ins Heck getrieben um die Klappe zu blockieren, aber das wäre vermutlich gerade recht auffällig. Vielleicht später…
Nur um sicher zu gehen nahmen wir unser Essen draußen beim Wagen ein. Einmal sabotiert zu werden reichte uns aus. Eine kurvenreiche, hellhäutige Dame bewirtete uns und hatte anscheinend ein Auge auf Callen geworfen, wie uns Yazinda erzählte. Wir teilten uns wachen ein und auch die Zwerge schienen es so zu halten. Kugor erzählte beim Essen, dass er angesichts der Mada schnell abgelenkt war, selbst wenn er sieh nicht sah. Also würden wir ihn wohl bei den Wachen besonders im Auge behalten müssen. Das Problem schien er aber nicht zu haben, wenn er in einem Haus oder unter Tage war. Da wir uns die letzten Wochen etwas nähergekommen waren und ich den Eindruck hatte den anderen soweit trauen zu können, erzählte ich nun meinerseits als wir sicher unter uns waren, dass ich im Namen des Reichs hier sei um auf ihre Sicherheit zu achten und auch den ein oder anderen magischen Trick dafür anwenden konnte. Yazinda wusste das ja bereits, Callen schien mir ehrenhaft genug das er selbst als Albernier der mit dem Reich gerade im Zwist lag einen Vertrauensvorschuss genießen konnte und Kugor schien ernsthaft daran gelegen das Rennen zu gewinnen und uns nicht zu hintergehen.
Kugor machte die erste Wache mit Yazinda zusammen, ich würde die zweite mit Callen nehmen. Während wir noch miteinander sprachen hörte ich erst einen Wolf heulen, dann kamen die Grolme mit ihrem Klapperwagen und zischten durch die Gegend. Sie trieben die Wölfe aus der Karawanserei, stellten ihren Wagen ab und gingen selbst zum Essen hinein. Wäre es in den Augen Rondras verwerflich, wenn ich jetzt nach draußen und auf Wolfsjagd gehen würde?
Zum Abend gab es Kamelmilch, Fladenbrot und einen süßen Eintopf mit Weinbeeren und Früchten. Ungewohnt, aber tatsächlich recht schmackhaft und sättigend. Dergejs Wagen wurde im Hof dauerhaft von seinem Zwerg bewacht, eine vernünftige Maßnahme, und er selbst kam ein wenig zu uns zum Plaudern herüber. Er lobte Kugor für seine Fahrkünste und unseren Wagen. Das ging diesem natürlich runter wie Schmieröl und er wurde gleich zwei Spann größer. Als ich ihn aus reiner Neugier fragte gab er mir Auskunft, er hätte seinen Basilisken im Totenmoor im Bornland getötet. Wenn ich noch einmal dort hinauf käme würde ich mich nach ihm erkundigen, nach so einer Tat sollte man ja zumindest eine lokale Berühmtheit sein. Dann lernte ich auch noch seine Begleiter kennen weil wir gemeinsam auf einen Schluck in die Herberge gingen. Die bleiche Elfe hieß Tijantiel und seine Söldnerin, die ähnlich wie ich einen Streitkolben schwang, Gatana. Den Zwerg Hulosch ließen sie anscheinend länger bei ihnen im Wagen sitzen. Die meisten in der Karawanserei waren Reisende, aber ein Tisch war mit Damen aus der Umgebung besetzt. Diese wies ich höflich auf die Wölfe der Grolme hin, welche derzeit frei herumliefen, sie sollten wohl besser auf ihre Herden aufpassen. Und insgeheim hoffte ich natürlich, dass es dabei den ein oder anderen Wolf erwischen würde. Die Wirtin fragte nach Callen, auf den sie wohl ein lüsternes Auge geworfen hatte. Vielleicht war er ja mit etwas Süßem wie Konfekt zu Ködern? Ich trank noch zwei Bier mit Dergej und seinen Begleitern. Die Wirtin kam aber kurz danach unverrichteter Dinge, also ohne Callen, und etwas geknickt zurück. Er hatte ihr wohl doch einen Korb gegeben. Und, nur nebenbei, die Grolme bekam ich diesen Abend überhaupt nicht mehr zu Gesicht, vermutlich hatten sie sich auf ihr Zimmer verzogen.
Dorthin ging ich dann auch und legte mich ins Bett, um rechtzeitig zur Wache wieder fit zu sein. Aber es blieb eine ruhige Nacht. Am Morgen nahmen wir zu einem kurzen Frühstück nur Tee und Brei und brachen bald auf, schon eine halbe Stunde nach Morgengrauen. Einen Vorsprung brachte uns das aber nicht, denn alle anderen auch hielten es genauso und die 3 Grolme waren sogar noch früher los, leider immer noch mit allen 4 Wölfen. Wir fuhren kurz vor Dergeij vom Hof und starteten in gemütlichem Trab. Als ich durch das Tor hinausritt schrie jemand hinter mir im Hof laut auf, woraufhin mein Pferd erschrak. Ich konnte es aber gerade noch im Zaum halten. Als ich über die Schulter sah blickte mir eine grinsende Gatana hinterher. Die blasse Elfe saß auf einem zotteligen Paavi-Pony aus dem hohen Norden. Das arme Tier würde wohl später in der Wüste ziemlich leiden…
Wir trabten etwa ein Stündchen dahin, dann sehen wir die Grolme vor uns. Ihre Wölfe mochten vielleicht kurzzeitig schnell sein, aber an ihrer Ausdauer hatte ich ernste Zweifel. Kugor fuhr beim Überholen nah an den Grolmenwagen heran und gab die Sicheln des Blitz frei. Beim ersten Anlauf fuhr er zu schnell am anderen Wagen vorbei. Dabei schrie er einmal kurz auf, hat sich dann aber schnell wieder im Griff, setzte noch einmal neu an, fuhr dann auf die Grolme auf und vergrubt seine Sicheln in deren Wagen. Späne flogen und es ratschte heftig. Einer der Grolme legte mit einer Armbrust an, was Yazinda veranlasste ebenfalls ihren Bogen zur Hand zu nehmen. Während sie aber vorbei schoss wurde Kugor vom Armbrustbolzen direkt in den Helm getroffen, der vibrierend darin stecken blieb, während Kugor das Blut übers Gesicht rann. Ein weiterer Versuch sie zu rammen wahr wohl nicht unbedingt risikofrei, deswegen zogen wir nun lieber an den schimpfenden Grolmen vorbei. Yazinda kümmert sich noch beim Fahren um kugors Verletzung, damit ihm das Blut in den Augen nicht die Sicht nehmen würde. Als Schiffsmedica war sie schwankende Untergründe ja gewöhnt…
Gegen Mittag fuhren wir auf eine größere von einer Mauer umgebenen Ortschaft mit einem kleinen Flusshafen namens Yakshabar zu. Das Tor war seltsamerweise unbewacht. Auf seine Art wirkte das tulamidische Dörfchen mit seinen weiß gekalkte und blaue geschmückten Häusern richtig pitoresk. Leider fanden wir den Grund, warum keine Wache zu sehen waren nur zu bald. Ein Stau hatte sich im Dorf gebildet. Der Straußenwagen von Rondrina kam vor uns in Sicht, umgeben von einer Menschenmenge, davor noch der schwere Wagen Borans. Und noch davor die Liebfelderin Onerdi, die bereits fast am zentralen Platz angekommen war. Aus der aufgebrachten Menge waren Stimmen zu vernehmen: „Verdammter Blutsauger, diesmal will er alles von uns. Sondersteuern.“ Die örtliche Sultana hatte offenbar ihren Steuereintreiber Nihama Wassa geschickt um eine Sondersteuer von allen durchfahrenden zu verlangen. Sie wollte sich offenbar an unserer heiligen Wettfahrt bereichern, was ja schon an sich schändlich genug war. Hinter uns kamen bereits die Zwerge heran, woher auch immer, während wir zwischen den Leuten feststeckten.
Langsam schoben wir uns nach vorne. Auf dem Platz in der Mitte des Dorfes sahen wir den Steuereintreiber mit einer ganzen Schwadron Reiter die sich dort und am Flusshafen postiert hatten. Aber wie es schien waren wir nicht die einzigen, die keine Lust hatten das Säckel der örtlichen Potentatin zu füllen. Kugor und die Zwerge hinter uns vereinbarten nch einem kurzen Austausch, nach Beschuss mit dem Katapult und durchbrechen zu wollen. Yazinda warnte alle anderen Rennteilnehmer, außer Boran gegen den sie offensichtlich einen persönlichen Groll hegte. Die Zwerge schossen wie vereinbart, diesmal mit einen Feuertopf, hinter die Reiter des Steuereintreibers, worauf deren Pferde scheuten. Der überraschte Steuereintreiber sprang schreiend vom Wagen der Liebfelderin. Aber nicht nur wir, auch das einfache Volk schien seine Chance zu wittern gegen die Sondersteuer aufzubegehren, es brach ein allgemeiner Tumult aus. Kugor fuhr gerade so los, dass die Leute vor ihm noch ausweichen konnten. Auch vom Hafen her war ein kleiner Tumult zu hören. Wir stießen in den schwarzen Qualm des Feuertopfes und hindurch. Die Reiter der Sultana nahmen zwar die durchbrechenden Wagen mit ihren Bögen unter Beschuss, aber anscheinend nicht unbedingt uns im Besonderen. Der Rauch war ziemlich dicht. Weswegen ich seitlich gegen eine Mauer ritt, die ich nicht gesehen hatte. Sowohl ich als auch mein Pferd nahmen dabei einige Schrammen mit, aber ich brachte Rondrikan schnell wieder unter Kontrolle und ritt dann hinter Kugor her, der selber zwischen den Häusern vom Straußenwagen ausgebremst wurde. Als wir auf der anderen Seite aus dem Ort heraus kamen erwartete uns die offene Straße, hinter uns folgten johlend die Zwerge. Der gemeinsame Bund und Friede war wohl nur von kurzer Dauer, denn schon flog wieder ein Beutel an mir vorbei und wirbelte seinen Staub auf. Langsam hatte ich die Nase von diesen Zwergen voll… Ich brach durch die Wolke und hatte nun Kreide im Mund und überall auf meiner Kleidung. Dafür überholten wir den Straußenwagen, der eine höhere Geschwindigkeit wohl nur kurz halten konnte. Nur Boran blieb weiter vor uns. Weit vor uns sahen wir Dergeij in seinem Kastenwagen, er musste um die Stadt außen rum gefahren sein, aber am Nachmittag konnten wir ihn ebenfalls noch überholen.
Bei der Mittagsrast, es war bereits früher Nachmittag, kümmerte sich Yazinda um mein Pferd, das Schrammen an der rechten Flanke von unserer Begegnung mit der Mauer hatte. Ich hatte diese zwar ebenso, tat das aber als lächerliche Kratzer ab. Danach ging es die Straße, die mittlerweile nicht mehr als eine Staubpiste war, einfach weiter entlang des Flusses Richtung Süden. Gegen Abend kam vor uns eine größere weiße Stadt auf einem Hügel neben dem Fluss in Sicht und bot einen unerwartet prächtigen Anblick. Kugor meinte, dass wäre Palmyrabad, die größte Stadt im weiten Umkreis. Im südlichen Teil gäbe es die Herberge Goldener Teekessel, die er in guter Erinnerung hätte. Wir kamen durch gut gepflegte und bewässerte Felder, Gärten und Obsthaine, alle noch grün als wäre es nicht schon Travia. Wir wurden von den Wachen am Eingang der Stadt freundlich gegrüßt. Am zentralen Platz erwarteten uns bereits weitere Wachen und ein Mann in grüner Pluderhose. Er grüßte uns im Namens Rondra und Rahjas, bevor er uns im Namen der Sultana einlud deren Gäste zum Abendmahl im Park der Lichter zu sein. Als insbesondere Kugor Zweifel zu haben schien versprach er, dass unser Wagen und die Pferde im Palast sicher seien, ja, er schwor sogar bei Rahja, nachdem Callen und Yazinda immer noch skeptisch waren. Wie also hätte man eine so freundliche Einladung ablehnen können?
Wir folgten der Ehrengarde den Hügel hinauf zu einem prächtigen Palast. Dort stellten wir Pferde und Wagen unter und wurden selbst in den Gästeflügel geführt. Die Höflichkeit gebot, dass wir uns nun frisch machten, ich nahm sogar ein kurzes Bad in leicht gewärmten Rosenwasser und erhielt angemessene Kleidung, nachdem ich auf so ein Ereignis nun wirklich nicht vorbereitet war. I’ch erhielt Pluderhosen, Strümpfe, leichte Lederschuhe und eine enganliegende Weste. Dann führte uns der Wesir in den Lichterpark zu der Sultana deren Ehrengäste wir sein sollten. Nach Rücksprache mit Callen hatte ich nur einen Dolch mitgenommen, alles andere wäre wohl unhöflich gewesen. Kugor wollte unbedingt beim Wagen bleiben, aber ich traute dem Wesir und am Ende hatten wir auch ihn überzeugt uns zu begleiten. Es ging den Palastberg hinunter in den Tempelgarten der Rahja. In den Bäumen hingen unzählige bunte Lampions. Sogar ein kleiner See mit einer Insel darauf zierte den Park. In einem offenen Zelt wartete die Sultana Rashpatana al Kira auf uns. Sie war eine junge, sehr hellhäutige Frau mit üppigen Rundungen. Ihre rot und blau wallenden Schleier betonten ihre Rundungen noch. Sie erkannte in Callen den standesgemäßen Ansprechpartner und widmete sich die meiste Zeit ihm, auch wenn wir ebenfalls vorgestellt wurden. Ich hielt mich eher im Hintergrund. Mit lokalen Adligen klar zu kommen war doch eher Callens Aufgabe. Der Tisch stand mit vielen Schüsseln und Speisen voll. Das Essen war ausgesprochen lecker, aber ich hatte zunächst eher Durst. Dummerweise stieg mir der schwere Wein schnell zu Kopf, was sich am nächsten Morgen rächten sollte. Die Sultana machte sich unterdessen recht offensiv an Callen heran, was diesen aber nicht im Geringsten zu stören schien, und am Ende des Essens zog sie sich mit ihm unter reichlich zweideutigen Bemerkungen zurück in Richtung des Rahjatempels. Den würden wir wohl so schnell nicht wiedersehen… Yazinda reinigte vor dem Zubettgehen noch kurz meine Kratzer, aber viel bekam ich davon gar nicht mehr mit, sondern ich schlief lieber meinen Rausch aus.
Im nächsten Morgengrauen frühstückten wir, machten Wagen und Pferde fertig und warteten dann vor dem Rahjatempel auf Callen, der noch nicht wieder aufgetaucht war. Irgendwann verlor Yazinda die Geduld und ging hinein um nach ihm zu sehen. Während wir noch warteten war Hufklappern zu hören. Der leichte Zweispänner mit Savine, ihrem Goblin und einer Söldnerin in Leder und Umhang zu Pferd als Begleitung trabte an uns vorbei. Wo blieb Callen jetzt, wir mussten weiter! Ich winkte Savine nach und warf ihr sogar noch eine Kusshand hinterher, was sie mit einem irritierten Gesichtsausdruck quittierte. Es dauerte gefühlt ewig, bis Callen endlich fertig war. Immerhin kam er recht entspannt und motiviert an den Start und trug dabei ein Seidentuch am Arm. Bevor wir loskamen preschte noch die Quadriga mit Reo Conchobair und seinen drei Begleitern, 2 Söldnern und dem grauen Magier, an uns vorbei. Ich wusste zwar nicht wie weit, aber wir schienen im Teilnehmerfeld ordentlich durchgereicht worden zu sein…
Kugor hatte am Nachmittag praioswärts von Palmyrabad einen kleinen Unfall, dessen Reparatur uns weit zurückwarf. Steine und Schlaglöcher… die Straße verdiente hier den Namen eigentlich nicht mehr. Später am Nachmittag überholten uns dann Arkos Sha und Hasrabal, will wir nur mit reduzierter Geschwindigkeit weiterfahren, eher holpern, konnten. Damit waren wir jetzt vermutlich letzter. Die anderen erzählten irgendwelche seltsamen Geschichten, dass wir von Jagdgras verfolgt würden, den Teil hatte ich wohl irgendwie verdöst. Aber Gefahr bestand anscheinend nicht übermäßig, denn wir waren sicher zu Pferd und mit dem Wagen trotzdem schneller als jedes Unkraut. Dennoch fuhren wir bis in die Dunkelheit hinein, zumindest solange, bis wir Hasrabal an seinem Lagerplatz überholt hatten. Sollte er sich doch dem Problem mit dem Graß annehmen, falls es uns wirklich folgte. Als wir spät in der Nacht einen vermutlich bebauten Hügel sahen, zumindest strahlte von dort Feuerschein herunter, stellte Yazinda fest, dass ihr wirklich etwas von dem lästigen Gras am Bein festgewachsen war und sie riss es sich aus dem Fleisch, was eine blutende wunder hinterließ. Callen war zwar ebenfalls, aber nur leichter Befall, dafür war sein Pferd stärker bewachsen und wurde zunächst versorgt. Callen ritt dann den Hügel hinauf um nachzusehen, was dort sei. Er war erst kurz in der Nach verschwunden, da hörten wir von oben ein dumpfes grunzen und grollen, dann rief Callen etwas Unverständliches, das wir als „hoch da“ interpretierten, weil er vermutlich einen Lagerplatz gefunden hatte. Allerdings hörte sich der nächste Laut den wir vernahmen eher nach einem schmerzverzerrten Grunzen an, was seltsam schien, danach ein lautes Klirren als würde etwas auf ein Kettenhemd einschlagen. Wir waren etwa 200 Schritt von dem Hügel entfernt und ich ließ mein Pferd in einen leichten Trab fallen. Kurz bevor ich den Hügel erreichen konnte hörte ich einen dumpfen Aufschlag auf den Boden, gefolgt von einem Schmerzensschrei Callens. Als wir oben ankamen lagen dort ein Oger und daneben Callen reglos am Boden, ein weiterer Oger stand über mit erhobener Keule über ihm. Ich steig ein Dutzend Schritt vorher dem Untier ab und stürmte mit Schild und Streitkolben in der Hand vor. Zwei kräftige Hiebe von mir und einer von Kugor, bevor mein Schild knirschend einen Keulenhieb abfangen musste, mit dem dritten Schlag fällte ich das Monstrum. Yazinda übernahm es sofort sich um Callen zu kümmern, schien aber Schwierigkeiten zu haben, weswegen wir ihm dann zur Sicherheit doch einen Heiltrank gaben. Einen von meinen, bei denen ich mir der Qualität sicher sein konnten. Als er zumindest wieder atmete trug ich Callen zum Feuer.
Das Lager befand sich zwischen etlichen fast kreisrund angeordneten Findlingen, in der Mitte brannte ein Feuer und es stank erbärmlich. Yazinda versorgte Callen ordentlich auch mit Salben und Verbänden. Ich unterstützte sie zusätzlich mit einem Balsam auf die Brust, weil sein Atem noch seltsam rasselte als ob er Probleme beim Atmen hätte. Dann dämmerte auch schon der Morgen, weswegen wir noch bis Mittag Pause machten, was uns noch weiter zurückwerfen dürfte, aber ich glaube wir wären ansonsten vor Müdigkeit vom Pferd gefallen. Kugor hielt allein Wache und weckte mich nicht einmal, obwohl ich ihn darum gebeten hatte. Yazinda kümmerte sich vor dem aufbruch noch um ein weiteres Pferd, dem Kugor Gras aus dem Bein gerupft hatte, während der Zwerg jetzt doch noch ein wenig schlief. Jetzt waren wir vermutlich wirklich die letzten, als wir gegen die zweite Stunde in der größten Mittagshitze aufbrachen.
Dafür kamen wir heute auf dem Weg gut voran. Als es auf Abend zu ging waren wir noch so Wach und ausgeruht, dass wir in die Nacht hineinfuhren bis wir das Dorf Yaspilil erreichten. Auf ein freundliches Klopfen am Tor musterte uns eine Kriegerin zunächst misstrauisch, öffnete aber, als ich uns als Rennteilnehmer vorstellte. Immerhin seien wir keine „dreckigen Novadis“, womit sie offenbar Hasrabal meinte. In der Karawanserei waren wir auch nicht alleine, da Rondrina von Barburin mit ihrer berittenen Begleiterin hier ebenfalls die Nacht verbrachte. Hasrabal hatte dagegen anscheinend ein Haus im Süden der Stadt für sich requiriert.
Bisher war es mir gar nicht recht bewusst gewesen, aber die beiden Damen waren nicht sehr ziemlich hübsch, sondern auch noch sehr jung. Vermutlich sogar jünger als Yazinda, also vielleicht gerade einmal um die 20 Götterläufe alt. Und ihre Kettenhemden und Lederhosen standen ihnen. Da ohnehin nicht viel Gesellschaft in der Herberge war setzten wir uns zu den beiden, ich verließ den Tisch allerdings bald wieder, da ansonsten unser Wagen unbewacht gewesen wäre. Und ein Risiko wollte ich nach den Erlebnissen der letzten Tage nicht eingehen. Später gesellte sich noch Pamina zu mir, die mit der Goldlackfarbe des Blitz, die wir als Ersatz dabei hatten, nach meinen Vorgaben freundlicherweise die magischen Zeichen des Zauberklinge Geisterspeer auf meinem einfachen Streitkolben anbrachte. Sie konnte wirklich gut Zeichnen, muss ich sagen. Ansonsten verlief die Nacht aber beruhigend Ereignislos.
Wir fuhren früh am nächsten Morgen los, uns war durchaus bewusst, dass wir nicht herumtrödeln konnten. Bald hinter der Stadt erreichten wir ein Gehöft bei dem es ausgesprochen lebhaft zuging und über dem eine improvisierte Standarte die Anwesenheit von Arkos Shah verkündete. Der Weg verließ nun den Fluss und das Land wurde trockener, der warme Wind kam heute aus Rahja vom Meer her. So fuhren wir unbehelligt bis Nachmittag vor uns hin, als eine Staubwolke von hinten heranbrauste. Arkos Shah holte in seinem aranischen Streitwagen langsam auf. Als er sich uns näherte waren die langen Sicheln an seinen Rädern deutlich zu sehen und seine Lanzenreiterinnen legten ihre Dschadras auf uns an. Da war wohl einer auf Ärger aus. Wir schirmten unseren Wagen so gut es ging vor den Reiterinnen ab, aber Arkos setzte zu einem gekonnten Überholmanöver an. Das Land war hier so eben und trocken, dass es eigentlich egal war ob man auf der Straße bliebt oder nicht. Sein Duell mit Kugor entschied er dummerweise für sich, en hässliches Knirschen und Knacken war zu hören, als seine Sicheln sich in die Speichen unserer Räder gruben. Wir schafften es von da an nur noch in langsamster fahrt bis zum nächsten Bauernhof, wo Kugor erneut notdürftig die Speichen austauschte, dabei beständig auf zwergisch fluchte und sichtlich Schwierigkeiten hatte. Während wir noch zum Halt gezwungen waren überholten uns Hasrabal und Rondrina erneut.
Durch den ungeplanten Stop erreichten wir das kleine Städtchen Dorgulawend erst am späten Abend. Die Umgebung des Ortes war deutlich grüner als der Rest der Ebene, irgendwo musste es also eine größere Wasserquelle geben. Das auffälligste Gebäude des Ortes war ein großer, grauer Klotz, der sich als Marbotempel herausstellte. Die sah man ja nicht so häufig, weswegen schnell meine Neugier geweckt war. Während die anderen sich in Richtung der Herberge aufmachten blieb ich noch für ein kurzes Gebet und ein freundliches Gespräch mit der Geweihten Kelbara zurück. Die Dame hatte zwar eine anstrengende Art sich möglichst mystisch auszudrücken und verstand das Leben wohl nur als Übergang ins Totenreich, den man nicht allzu schwer nehmen sollte, aber ansonsten war sie recht angenehme Gesellschaft. Ich erfuhr, dass gestern eine Geweihte mit goldglitzerndem Wagen, vermutlich Praiane vom Fluss, hier ebenfalls einen Reparaturhalt einlegen musste. Dabei gab sie mir den Hinweis, dass es in der Stadt einen hervorragenden Stellmacher namens Abdul geben würde, was unserem Gefährt sicher auch nicht schaden konnte, was ich später direkt an Kugor weitergab. Somit war für unseren Wagen eine nächtliche Inspektion und Reparatur ebenfalls gesichert. Ich verabredete mich mit Kelbara noch auf einen Tee zum Abend in der Herberge und ließ ihr einen Dukaten im Opferstock.
Den Tee, entweder eine örtliche Spezialität der ihre eigene Mischung, das habe ich nicht so richtig herausbekommen, brachte sie sogar selbst mit. Mir wäre ein ordentliches Bier zwar lieber gewesen, aber ich war ja nicht unhöflich. Der Tee schmeckte etwas streng und metallisch, aber trotzdem sehr gut. Yazinda nippte ebenfalls daran und meinte, ich solle nicht zu viel davon nehmen, er könne vielleicht berauschend wirken. Nur, dass mich das eben gerade nicht dazu animierte, mich zurückzuhalten. Im Gespräch mit Kelbara ergab sich, dass Boran der Zerstörer wohl für Al’Anfa fuhr. Und als das Gespräch auf das Rennen, die Aufaben und den heiligen Leomar kam, der ja Träger Siebenstreichs war, erzählte sie uns, dass der das dazugehörige Schwertgehänge wohl von Zwergen erhalten hatte. Wir sollten doch einmal die Erzzwerge in Fasar dazu befragen, vielleicht wusste das kleine Volk mehr dazu. Ich konnte nicht sagen ob es an der Unterkunft oder dem Tee lag, aber ich schlief in dieser Nacht wirklich hervorragend!
Am nächsten Tag brachen wir mit unserem frisch hergerichteten Wagen früh auf und fuhren an diesem Tag unbehelligt bis Awallakand und gleich am nächsten Tag weiter bis nach Floeszern, das wir gegen Mittag erreichten. Hier gab es, wie Kugor uns erzählte, bei niedrigem Wasser eine gut befahrbare Furt über den Gadang. Leider führte der Fluss im Travia mehr Wasser und vor der Stadtmauer herrschte am Übergang ein regelrechter Stau, darunter einige andere Rennwagen. Ich sah Rondrina, Reo, Praia, Sawine und sogar den Katapultwagen der Zwerge. Auf der anderen Flussseite verschwand gerade ein norbardischer Kastenwagen in der Ferne. Seltsamerweise fuhren die Zwerge ein Stück Flussabwärts und überraschten dann alle, indem sie ihren Wagen mit Schotten abdichteten und Ruder ausfuhren. Das verdammte Ding hatte nicht nur ein Katapult sondern konnte sogar zum Boot umgebaut werden! Mit den Ponys im Schlepp hintendran machten sie sich langsam aber unaufhaltsam daran den Gadang zu überqueren.
Wir würden Stunden verlieren, wenn wir uns jetzt hier einreihten und dann als letzte den Fluss überquerten. Daher erzählte ich den Anderen, wir müssten etwas oberhalb des Dorfes zu einer weiteren Furt fahren von der ich wüsste. Was natürlich glatt gelogen war, aber ich hatte einen anderen Plan und sie nahmen es mir einfach ab, da sie sich hier genauso wenig auskannten wie ich. Als wir außer Sicht des Dorfes waren steig ich vom Pferd ab ins Wasser und rief einen Elementargeist herbei. Erst beim zweiten Anlauf gelang es mir das Wesen freundlich zu stimmen und davon zu überzeugen, dass Wasser soweit tragfähig zu machen, dass wir mit dem Wagen und den Pferden den Gadang hier wie auf einer Brücke überqueren konnten. Den Fragen und dem erstaunen von Kugor, Yazinda und Callen ich so gut es ging aus – ich wäre hier um sicherzustellen, dass wir gewinnen könnten, das war das wichtigste. Als wir zurück zur Straße fuhren waren die Zwerge ebenfalls herüber und schon abfahrbereit. Das mir mittlerweile wohlbekannte zischen ertönte, und wieder schossen die kleinen Gesellen mit ihrem Katapult auf uns. Jetzt hatte ich die Faxen dick! Ich sagte Kugor, er solle schon einmal losfahren, ich würde gleich folgen, und ritt auf den Holzklotz den die Zwerge einen Wagen schimpften zu. Dann nahm ich das Caldofrigo-Amulett vom Hals, das ich seit Zze-Tha mit mir herumtrug und aktivierte seine Macht. Von den Zwergen war ein Fluchen zu hören – ich konnte nur ahnen welche Hitze jetzt im inneren ihres Wagens herrschen musste. Auf jeden Fall vermutlich so viel, dass sie die nächste Stunde nicht losfahren würden. Dann folgte ich Kugor.
Der Wind wurde wärmer, trockener und trug nun Sand, Staub und die Hitze der praioswärts gelegenen Wüste mit sich. Ich bekam Kopfschmerzen von der ungewohnten Wetterlage. Am Abend errichten wir endlich Fasar, wo Kugor sich als ortskundiger Führer erwies, da er hier einige Zeit in der Arena gefahren war. Meine eigenen Erinnerungen an die Stadt waren eher negativ. Es ist nicht die schönste Erfahrung im eigenen Körper als Gefäß einen Dämonen in den Borontempel zu verfrachten, um diesen in die Niederhöllen zurückzuschicken. Dafür war die große steinerne Sphinx vor der Stadt immer noch eine imposante Erscheinung. Kugor lotste uns ins Arenaviertel, weil er dort wohl Leute kannte auf die er sich verlassen konnte. Bei einer Mietskaserne in der Nähe der Gladiatorenschule stellten wir unsere Pferde und den Wagen ab und überließen das Kümmern seinen Bekannten. Wir selbst machten uns direkt zum Rondratempel auf, um wenigstens etwas Zeit gut zu machen. Allerdings wurden die Straßen in Fasar erst Abends richtig voll, so dass wir mit dem Verkehr der Stadt mitfließen mussten. Eine Passage auf den Hochstraßen wäre jetzt gelegen gekommen, aber dazu hätten wir eine Erlaubnis der Erhabenen gebraucht. Als wir ankamen drang zu meinem Schrecken schwarzer Rauch aus dem inneren des Tempels und es roch brandig. Allerdings standen die Passanten nur staunend und meckernd herum, anstatt zu helfen. Sofort drängte ich mich nach vorn. Als ich den Tempel fast erreicht hatte spürte ich einen stechenden Schmerz am Arm, ein Wurfdolch hatte sich durch meine Kleidung gebohrt. Als ich mich umsah war der erste, auf den mein Blick fiel Callen – und eine panische, irrationale Angst vor ihm erfasste mich. Da er hinter mir war wich ich, die Hände abwehrend in seine Richtung gestreckt, vor ihm in den Tempel zurück.
Drinnen Roch es nach Pech und Schwefel, die Wandteppiche und Vorhänge standen zwar nicht lichterloh in Flammen, kokelten aber vor sich hin. Aus der Gebetshalle weiter hinten drang der Rauch dichter heraus. Der erste Körper über den ich fast stolperte gehörte einem stark verbrannten Geweihten im Kettenhemd, das teilweise geschmolzen war. Ich brauchte nur einen kurzen Blick um zu sehen, das ihm nicht mehr zu helfen war. Neben der Statue der Rondra sah ich voraus eine weitere Gestalt liegen. Auch diesem würde ich nicht helfen können, aber ihre Körper waren noch warm, ja eher regelrecht heiß. Schnell hintereinander fand ich so insgesamt 5 Geweihte. Was war hier geschehen? Ganz hinten im letzten Eck fand ich die Quelle des Qualms. Der Boden selbst schien in einer Mulde zu einer bunten Masse verschmolzen zu sein. Das war dann wohl das Mosaik, das uns einen Hinweis hätte geben sollen… wenn ich meine Finger an diese Mörder und Tempelfrevler legen könnte… es würde keine Gnade geben!
Links der Rondrastatue nahm ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung war und rannte, meine Waffe ziehend dorthin. Aber es waren nur zwei kleine, hustende Kinder in weiß-roten Novizengewändern. Ohne lang herumzutun steckte ich meinen Streitkolben weg, packte mir links und rechts jeweils einen unter den Arm und schleppte sie Richtung Ausgang. Als sich Yazinda mir vor der Tempelpforte anschloss und die Kinder fürsorglich übernahm berichtete sie, dass sie an den Körper der Toten Stiche, Schnitte und Kampfspuren gefunden habe. Das deckte sich dann auch mit dem, was die verängstigten Kinder erzählten. Lumpenpack sei in den Tempel gekommen und habe überraschend Messer und Armbrüste gezogen und sich über die Priester hergemacht. Ihr Meister, sein Name war Fezir und die übrigen Geweihten, hätte sogar vor Angst gewimmert, bevor sie ihm in den Kopf geschossen hatten. Nun waren sie in Sorge, denn sie hätten sich versteckt und Rondra habe ihre Feigheit gesehen, obwohl sie ebenfalls den Tempel gegen die zwei Dutzend Halunken hätten verteidigen müssen. Sie waren sich nur sicher, dass die Männer nicht von hier waren, sondern „Nordländer“, denn sie hätten Garethi gesprochen. Und hinten beim Mosaik hatten sie dann, auch wenn die Kinder sie da nicht gesehen hatte, weitere unverständliche Dinge gemurmelt. Immerhin konnten sie uns halbwegs Auskunft geben, was auf dem Mosaik früher zu sehen gewesen war. Eine Höhle mit Rondra der stürmischen in ihrer Löwenform darin, auch eine Sphinx sei bei der Göttin gewesen. Früher habe es ja eine Sphinx in Fasar gegeben, wovon die große Statue zeuge. Dann kamen endlich die Soldaten der Garnison an, um zu helfen. Und ich fragte mich, was wohl so heiß brennen mochte, dass nicht nur das Mosaik schmolz sondern auch noch alles andere im Tempel anfing zu kokeln. Mit was hatten diese Schurken den heiligen Boden entweiht? Spontan fielen mir nur wenige Dinge ein, die heiß genug wären eine solche Wirkung zu erzielen. Drachenfeuer natürlich, aber von einem Drachen hatte hier niemand berichtet, der wäre wohl aufgefallen. Der borbaradianische „Brenne Toter Stoff“ in der seiner heißesten Variante mochte vielleicht geeignet sein. Ein Flammendämon wie der Azzitai? Aber auf geweihtem Boden? Oder der von mir selbst erst genutzte Caldofrigo in einer übersteigerten Form? Aber dazu müsste man ihn schon herausragend gut beherrschen. Egal was es war, ich würde nicht umhin kommen noch einmal in den Tempel zu gehen und die vermutlich vorhandene Reststrahlung der Magieanwendung zu prüfen. Und danach würde ich die Kinder in den Tempel des Rondrasohns Kor bringen. Mochten sie dort Aufnahme und später vielleicht einmal ihre Rache finden.
Nachdem wir uns kurz vor dem Tempel gesammelt hatten bat ich Callen für kurze Zeit das Kommando übernehmen zu dürfen. Ich wollte ihn als Adligen nicht einfach in aller Öffentlichkeit herumscheuchen. Er gab mir seine Erlaubnis, also verteilte ich die Arbeiten. Yazinda sollte sich weiter um die Novizen kümmern, bis ich wieder aus dem Tempel da wäre, ich wollte unbedingt noch einmal hinein etwas nachsehen. Kugor hieß ich zum Hesindetempel zu eilen, deren Wissen und Fähigkeiten würden wir mit Sicherheit hier brauchen können, außerdem hätten diese im Gegensatz zu mir wenigstens etwas Autorität an diesem Ort, falls es Konflikte geben mochte. Und schließlich bat ich Callen wegen der Toten zum Borontempel zu gehen und einen Geweihten zu organisieren, und dabei gleich dem Raben von Fasar einen freundlichen Gruß von mir auszurichten. Vielleicht mochte uns das helfen, auch wenn mein letzter Besuch in Fasar schon Jahre zurücklag und mein Kontakt zu dem Hochgeweihten nur ein einmaliger und kurzer war. Ich hörte noch wie die Novizen Yazinda erzählten, dass das Mosaik vor etwa 200 Jahren gefunden worden war, als ein Wagen und Reiter durch die Menschenmenge heranfuhr und ich die herrische Stimme von Praiane vom Fluss erklingen hörte, die wegen der Novizen eine hitzige Diskussion mit Yazinda begann.
Ich ging eilig noch einmal in den Tempel, wo die Gardisten mittlerweile die Schwelbrände unter Kontrolle hatten. Die meisten der kokelnden Gegenstände waren einfach vor den Tempel verfrachtet worden. Allein um meinen verdacht zu erhärten, mir fiel auch immer noch nichts Besseres ein, wirkte ich einen Odem Arcanum in Blickrichtung des geschmolzenen Mosaiks. Allein… es fand sich nicht das kleinste Anzeichen für arkanes Wirken! Das verwunderte mich nun doch gewaltig, schürte aber gleich darauf einen weit schlimmeren Verdacht. Mochte es sich hier gar um das Wirken von Dienern des Namenlosen handeln? Hierzu würden mir dann aber erst die hoffentlich kommenden Diener der Hesinde weiterhelfen können. Dummerweise hatte Praia vom Fluss die Diskussion mit Yazinda wohl beendet, die beiden Novizen nun selbst im Schlepptau, verlangte herrisch nach Auskunft die ich auch freundlich erteilte, versenkte sich dann ins Gebet und verschwand kurz darauf im hinteren Teil des Tempels. Ich wäre ihr gerne gefolgt, aber der böse Blick den sie mir bei dem Versuch zuwarf ließ mich dann doch lieber im Tempelraum warten.
Kugor, der sich ja in Fasar auskannte und wohl kein Problem gehabt hatte den Weg zu finden kam als erster mit einem Geweihten namens Efidros zurück, seinen Insignien nach sogar der Hochgeweihte der Schlange in dieser Stadt. Ich näherte mich dem Geweihten mit der gebotenen Höflichkeit und bat ihn um seine Meinung zu dem Thema namenloses Wirken, was leider auch bedingte, das ich mich ihm auf seine scharfe Nachfrage offenbaren musste. Mein martialischer Aufzug gepaart mit meinem ungewöhnlichen Wissen machte mich in seinen Augen sicher zumindest suspekt. Als ich mich dann als Magister Auxiliarum der Dracheneiakademie inkognito und Entdecker der Bircha-Rollen, das war ja nicht weit von hier gewesen, zu erkennen gab, schien in aber in seiner Gunst und seinem Ansehen deutlich zu steigen, so dass er bereit war mit mir zu kooperieren. Ich konnte nicht genau sagen was er tat, als er sich ins Gebet versenkte, aber es dauerte nicht lange, da bestätigte er meinen Verdacht mit sorgenvoller Miene. Hier hatten sich Diener des Rattenkinds in unsere heilige Queste eingemischt. In Fasar hatten sie mit denen wohl ein dauerhaftes Problem und es hieß, so mancher Bettler stünde dem Namenlosen näher als den Zwölfen. Aber einen Angriff auf einen Tempel hätte es seit 150 Jahren nicht mehr gegeben. Alles weitere wollte er aber nicht so offen mit mir diskutieren, auch da er mich noch weitere Dinge Fragen wollte.
Auch Callen war unterdessen angekommen, hatte aber statt eines Boronpriesters gleich eine ganze Hand Golgariten im Gefolge, die sich wenig erfreut über das zeigten, was sie hier vorfanden.
Wir eilten daher über den Platz vor dem Tempel zu einem kleinen Laden gegenüber, der nach seinem Schild „Schriftrollen, Antiquitäten und andere Interessante Dinge“ offerierte. Die Inhaberin, eine ältere Dame namens Darena, schloss den Laden und sollte hier für den Geweihten als Protokollantin dienen. Die beiden schienen sich gut zu kennen und eine eingespielte Arbeitsweise zu haben. Noch während ich mich den Fragen des Hesindedieners stellte, was unsere Aufgabe war, wer von uns welche Rolle hatte, was wir den bisher wussten, wo wir gedachten weiterzusuchen fiel es mir bei seinen Anmerkungen wie Schuppen von den Augen. Praia vom Fluss war im Rondratempel verschwunden und nicht wieder aufgetaucht. Sie als Geweihte wusste natürlich, wo sie suchen müsste… in den Tempelarchiven! In höchster Eile begab ich mich zurück in den Tempel, seine Gnaden Efridios im Schlepptau, und suchte nun doch den deutlich weniger prunkvollen, eher wehrhaften aber dafür unversehrten hinteren Teil des Rondratempels auf. Auch einer der Golgariten schloss sich uns an, Kugor war hinter mir und bald auch der Rest, so dass wir die kleine Kammer mit der Bibliothek als regelrechte Prozession erreichten.
Unser auftauchen war ihr sichtlich nicht recht, sie schien schon mehrere Schriften gesichtet und sortiert zu haben, die beiden Novizen gingen ihr offenbar zur Hand. Insbesondere den Golgariten Alrigio wollte sie unbedingt loswerden, und da er hier auch keinen Auftrag hatte schickte sie ihn fort, sich um die Toten Brüder zu kümmern. Mich würde sie allerdings so leicht nicht loswerden! In meinem freundlichsten Tonfall bat ich sie, immerhin war sie die ranghöchste und einzige Dienerin Rondras hier am Ort, um ihre Erlaubnis, im Sinne der uns beiden gestellten Queste so wie in Barburin zu Beginn der Fahrt ebenfalls nach Erkenntnissen suchen zu dürfen. Ihr Missfallen war offenkundig und sie überlegte sichtlich, fand aber gegen meine Ansprache keine Einwände. Sie stellte nur die Bedingung, dass wir unser Wissen, so wir denn etwas fanden, mit ihr teilen müssten, worauf ich mich gerne einließ. Praia deutete Callen und mir sogar als erste Hilfe auf eine von ihr bereits gesichtete Kladde und eine Schriftrolle, die ihrer Meinung nach auch uns nützen könnten. Das war quasi so etwas wie ein Friedensangebot, dass ich gerne annahm.
Die Schriftrolle befasste sich mit dem Tempelumbau wegen des maroden Bodens, bei dem überraschend in den Grundmauern das Mosaik als Teil des alten Rahandra-Tempels gefunden worden war. Darin wurde es als zwergische Arbeit beschrieben, eine große Entdeckung, die man mit dem Amazonenvolk geteilt habe, das wohl auch irgendwie damit zu tun hatte. Das warf uns wiederum etwas zurück, denn die Amazonenprinzessin, die ja auch am Rennen teilnahm, dürfte somit nicht nur vor uns sein sondern auch einen ordentlichen Vorsprung auch an Wissen haben. Die Kladde enthielt Rechnungen der Bauarbeiten, die auf einen Zwerg namens Garbolosch, Sohn des Garbosch verwiesen. Bei der Lebensspanne der Zwerge mochte dieser sogar noch aktiv sein. Kugor, der sich erneut Praya gegenüber unbotmäßig verhielt, und Yazinda, die der tulamidischen Schrift ohnehin nicht mächtig war, bat ich, sich anderen Aufgaben zu widmen, vielleicht unterdessen bei den Zwergen vorstellig zu werden, während Callen mir hier erneut behilflich sein sollte. Der Angroscho war konnte wirklich nervtötend sein und hatte keinerlei Gespür für angemessenes zwischenmenschliches Verhalten.
Im Weiteren fanden Callen und ich aber trotz stundenlanger Suche nicht viel weiter Erhellendes. Das auf dem Bild Rondra als Löwe mit einer Sphinx und dem Donnersturm in einer Höhle abgebildet war wussten wir ja schon von den Novizen. Es wurde spekuliert, das Mosaik hätte sogar von Leomar selbst gestiftet worden sein können. Und wir fanden einen Schriftwechsel von Meister Fezir mit Ayla vom Schattengrund, in dem dieser angewiesen wurde den Rennteilnehmern freies Geleit und Zugang zur großen Tempelhalle mit dem Mosaik zu gewähren. Ansonsten war Callens und mein Werk allerdings ziemlich fruchtlos. Es dauerte Stunden, bis Kugor und Yazinda wiederkamen, was Praia vom Fluss natürlich nicht entging. Auf die Frage, ob sie denn etwas neues herausgefunden hätten, verneinte Yazinda das glattweg – eine Lüge wie sich herausstellte, als wir den Tempel verließen und sie uns erzählten, was bei den Zwergen vorgefallen war. Das war mir wirklich zuwider. Nicht nur, eine Geweihte anzulügen, was eh schon gegen meine Prinzipien verstieß, sondern auch noch solcherart gegen den Geist dieses Rennens zu verstoßen, wie ich ihn verstanden hatte. Als ich sie dafür rügte und mich anschickte zu Praia zurück zu gehen, war sie aber zumindest bereit, Verantwortung für ihre Tat zu übernehmen und ging mit, um sich zu entschuldigen. Eine eher peinliche Szene… um nicht alles blankweg preiszugeben, was Kugor und Yazinda sich erarbeitet hatten, aber
Praia zumindest auf den richtigen Weg zu führen, erklärte ich ihr, sie solle doch noch einmal sorgfältig die Unterlagen und die Rechnungen prüfen, auf welche sie uns zu Anfang hingewiesen hatte, es könnte sein, dass sie darin etwas übersehen hätte. Ich glaube, ich hatte hier richtig gehandelt und mir damit auch ein bisschen ihren Respekt verdient.
Was Kugor und Yazinda bei den Zwergen herausgefunden hatten, neben einem Haufen Essen, war folgendes. Der Zwerg, der die Rechnung gestellt hatte vor 200 Jahren lebte noch und war mittlerweile das Sippenälteste Väterchen in Fasar. Und offenbar ein rechter Zahlenmystiker, denn das waren zum Teil recht abenteuerliche Deutungen, was er da vornahm. Das 76. Donnersturmrennen stünde unter einem schlechten Stern, denn die Quersumme daraus sei 13, so dass wohl der Namenlose seine Finger im Spiel hätte. Nun ja, das mochte ein Zufallstreffer sein. Daraus wiederum die Quersumme sei 4, was auf Travia hindeute, und war nicht das rennen just am 4. Travia gestartet? Wenn man sich dem nicht von der Götterseite, sondernd wegen des Namenlosen anders herum nähere, käme man dann bei Lolgramoth heraus. Und die 4 der Travia mit der 4 des Tages wäre die 8, so dass man einen Hinweis auf Asfaloths Einfluss habe. Waren nicht asfalothische Fliegen am Beginn des Rennens über unsere Pferde hergefallen? Andererseits… ich hielt von solchen Dingen nicht übermäßig viel. Mit den richtigen Herleitungen konnten sich diese Zahlenmystiker alles schön rechnen, so wie es ihnen in den Kram bei der Deutung passte. So richtig daran glauben mochte ich nicht, aber es würde auch nichts schaden die Augen weiter und in diese Richtung offen zu halten…
Dafür waren die Erkenntnisse in Richtung des Mosaiks schon deutlich konkreter. Es war nicht von Leomar, sondern von einem Al Faschir zu ehren Leomars gestiftet worden. Und der Donnersturm wurde, entgegen Kugors ständigen Behauptungen, wohl von den Erzzwergen in Auftrag Angroschs geschmiedet vor 2000 Jahren, nicht von Angrosch selbst.Ein kleiner, aber feiner Unterschied will ich meinen. Ebenso hätten die Erzzwerge die Scheide Siebenstreichs für Leomar geschaffen, aber was den Spruch darauf anginge sollten wir in Punin bei Turgosch, Sohn des Tarbosch nachfragen. Dieser sei Gelehrter und kenne sich mit der Schmiedehistorie besser aus als das Väterchen, der eben doch ein Handerker sei. Wo aber die Höhle auf dem Mosaik zu finden sei, das könne er uns nicht sagen. Wer es aber wissen müsste sei die Sphinx – also nicht die aus Stein vor der Stadt, sondern die echte aus Fleisch und Blut die dafür Modell gestanden hatte und nun tief unter Fasar leben würde, in den Katakomben. Einen Zugang zu diesem Labyrinth könne uns seine Sippe jedoch gerne am nächsten morgen zeigen, nur hinunterführen würden sie uns nicht. Daher begaben wir uns zur Ruhe, würde es doch eine kurze Nacht werden, wenn uns die Zwerge im Morgengrauen schon wieder wecken würden.
Und so geschah es. Nach einem knappen und schnellen Frühstück warteten bereits zwei Angroschim auf uns die uns nach Süden vor die Stadt in ein Ruinenfeld brachten. Wir hatten uns für eine längere Kletterpartie in den Kavernen ausgerüstet, am bemerkenswertesten war dabei, dass Kugor einen ewig leuchtenden Bergkristall besaß, der uns das Arbeiten unter Tage deutlich erleichtern dürfte. Die Zwerge zeigten uns eine Stelle, wo wir den Sand wegschaufeln sollten um durch eine Falltür in die Kanäle von Fasar zu gelangen. Und wenn wir wieder herauskamen, sollten wir die Türe auch wieder schließen und zuschütten. Dafür gaben sie uns eine recht eindeutige Wegbeschreibung, die wir uns merken sollten. Unten dem Wasserkanal gen Norden folgen, die erste Abzweigung rechts in einen sehr schmalen Nebenkanal, der am Ende zugemauert sei. Die Wand müssten wir aufbrechen, weswegen Kugor noch einmal zurückging um ein Brecheisen zu holen, und dann den Schacht hinabsteigen. Von dort sollten wir einfach immer nur abwärts und nie aufwärts gehen, bis wir den Spiegelsee erreichten, in dem die Sphinx lebe. Wir sammelten noch unsere Seile zusammen damit diese für steilere Abstiege ausreichten und ich gab Yazinda meine Kletterhaken. Ich hatte diese ohnehin nur dabei um Gefährten zu sichern, für mich selbst brauchte ich sie ja schon lange nicht mehr. Ich dränge mich nie gerne in den Vordergrund, deswegen überließ ich auch Yazinda das erste Klettern, die meinte sie wäre darin ganz passabel. Ich würde einfach immer als letzter absteigen um den Rest zu sichern, sie würden bald genug sehen das ich klettern konnte.
Das erste Mal benötigten wir einen Kletterhaken nach der durchbrochenen Mauer um den Abstieg in den Schacht zu sichern. Zuerst ließen wir Kugor herunter, was mehr dem Ablassen eines vollen Bierfasses entsprach als das er selbst viel dazu beigetragen hätte. Yazinda stellte sich recht ordentlich an, aber ich dachte nicht, dass sie schon für eine echte Gebirgspartie bereit wäre. Callen hingegen merkte man an, dass er eher auf dem Pferderücken als in engen Schächten zuhause war. Wir bekamen ihn unfallfrei hinunter, aber ohne Hilfe wieder hinaufzusteigen dürfte für ihn sehr schwer werden. Zuletzt warf ich das Seil hinunter, da ich davon ausging es später noch einmal zu benötigen, was lautstarken Protest von Kugor nach sich zog, der schon den Rückweg abgeschnitten sah. Dann stieg ich ungesichert hinab und erklärte ihm, genau so würde auch das Seil wieder hinauf kommen, indem ich dann vorkletterte. Ich war ja in meinem Leben wahrlich schon genug über Felsen und Berge gekraxelt…
Hier unten war es staubig und trocken, spuren anderer Wesen sah man keine. Vermutlich waren wir die ersten seit Jahrzehnten, die hier wandelten. Zwei Stundengläser etwa wanderten wir durch die dunklen Gänge, immer den Weg suchend der uns weiter in die tiefe führte, was manchmal gar nicht so eindeutig war. Aber „unten“ war eine recht eindeutige Wegbeschreibung, bei der man sich kaum verlaufen konnte. Trotzdem markierte Yazinda unseren Weg mit einem dicken Kohlestift an Abzweigungen mit einem X, so dass auch der Rückweg recht einfach werden würde. Schließlich erreichten wir die angekündigte Höhle. Die Zwerge hatten nicht zu viel versprochen und der Name war wirklich treffend. Die Kaverne spannte sich mit einer riesigen Kuppel über uns, in deren Mitte ein schwarzer Punkt von einem ehemaligen Brunnen kündete. Der See lag glatt und silbern vor uns, wahrlich wie ein richtiger Spiegel, der Kugors Licht hell reflektierte und so die ganze Höhle ausleuchtete. Das Gewölbe war nahezu Kreisrund und das Ufer lief einmal vollständig um den See, an dessen Ufer eine Art gemauertes, unregelmäßiges Steinbecken stand und dem sich eine Kugel, ein Loch und mehrere Steine befanden, fasst wie ein Geschicklichkeitsspiel, das ich einmal auf einem Markt in Gareth gesehen hatte. Ein hölzernes Kästchen, bei dem man die Kugel ohne die eingesteckten Stäbchen zu berühren in ein Loch bugsieren musste indem man geschickt das Kästchen hin und her bewegte.
Nur das hier das steinerne Becken natürlich deutlich größer war. Die Steine in der mitte hatten etwa die Abmaße eines ordentlichen Ziegelsteins und die schwarze Kugel war etwa einen Spann groß. Also musste man diese durch verschieben der Steine auf freie Felder und rollen der Kugel mit der Hand dafür sorgen, sie an ihr Ziel zu bekommen. Keine leichte Aufgabe, denn es waren mit dem Ziel selbst nur genau drei freie Felder verfügbar. Eine wahrhaft hesindianische Aufgabe. Yazinda versuchte sogar einmal, einen der Steine vom Feld zu entfernen, zuckte aber mit der Hand zurück als hätte ihr jemand auf die Finger geschlagen. Wir benötigten mehrere Anläufe, bis wir endlich einen Pfad gefunden hatten der sich als machbar erwies. Als die Kugel endlich das Ziel erreichte fiel sie in das Loch und verschwand mit einem platschen darin. Es dauerte nur Augenblicke, bis die Kaverne auf einmal mit einer geradezu überderischen, aber nicht bösartigen, Präsenz erfüllt war. Aus dem See stieg, völlig trocken obwohl sie aus dem Wasser zu kommen schien, die Sphinx. Eine wahrhaft erhabene Kreatur, der man ihr Äonen währendes Alter anmerkte, aber offenbar auch ein sehr einsames Wesen, hielt sie sich doch für die letzte ihrer Art. Nur waren wir kurzlebige Menschen anscheinend wenig geeignet, ihr gerecht zu werden und die Zeit zu vertreiben. Meist erging sie sich in Reimen und mystischen Worten, deren Sinn sich nicht auf Anhieb erschloss. Und sie hatte es anscheinend am liebsten, wenn man ihr ebenfalls in Reimform Antwortete oder Fragen stellte, was ein wenig enervierend war. Was wir aber von ihr erhielten war eine recht konkrete Beschreibung des Weges, der nun vor uns lag. Wenn Praios den Zenit überschritten hätte (was wie wir später erfuhren die dritte Stunde bedeuten sollte) und den Rand von Adawats Heim küsst (den höchsten Gipfel des südlichen Rashtullswalles) hätten wir dem Götterfürsten, also der Sonne genau nachzufolgen. Wir sollten nicht abweichen wo es nicht sein müsste und diesem Weg bis zum Haupt eines Löwen folgen (vermutlich eine entsprechend aussehende Felsformation oder ein Berg). Von dort sollten wir den untergegangenen Fürsten an der Seite des Herzens lassen und weiter gehen, was wohl bedeutete von dort nach Firun zu müssen. Dann sollten wir auf die Zeichen achten, die wir an unserem Ziel sehen würden, was wohl so viel bedeutete, dass der Ort gar nicht noch zusätzlich versteckt war. Ein altes Übel würde sich dort offenbaren und doch noch verstecken, was ich dahingehend interpretierte, dass wir zumindest erfahren würden wer sich uns derzeit in den Weg stellte, ohne dass wir dort auf ihn treffen würden. Dann erhält, was kein Gesicht hat ein solches. Also doch der Namenlose, der ja üblicherweise als gesichtslose Gestalt dargestellt wird? Das würde zumindest in das bisherige Bild passen. Was mich jedoch ein wenig erschrak war die nächste Warnung, die die Sphinx aussprach. Achtet auf die vielleibige Bestie, sie weiß um ihr Schicksal, deswegen lauert sie dort, wo Euer Ziel zum Ziel wurde. Abgesehen davon das ich einen Teil dieser Warnung nicht wirklich verstand… was hatte das Omegatherion jetzt auf einmal damit zu tun? War das nicht in der Warunkei gefangen? Unser Ziel lag doch völlig anders! Zuletzt meinte sie noch wir sollten auf die Maden achten, die Sumu fressen, doch ohne ihre Nahrung schwach sind. Was sollte das nun wieder sein? Nach einem recht knappen Abschied stieg das Wesen wieder in seinen See. Eine Antwort hatten wir erhalten, aber noch viel mehr neue Fragen aufgeworfen…
Der Aufstieg zurück an die Oberfläche war schnell erledigt. Im Kamin kletterte ich diesmal direkt selbst vor um das Seil wieder fest zu machen. Auf diese Art war es auch für die Anderen kein größeres Problem den Schacht wieder hinauf zu kommen. Oben trennten wir uns dann noch einmal. Kugor und Yazinda sollten nach den Pferden sehen, ich würde mit Callen noch einmal den Rondratempel aufsuchen. Die Tür dort stand einen Spalt weit offen, im Inneren hielt der Golgarit Bruder Alrigio eine einsame Wacht. Als ich mich erkundigte gab er mir Auskunft, die Novizen seien von Praia im Phextempel untergebracht worden, bis sich hier neue Geweihte einfinden würden. Eine in meinen Augen ungewöhnliche Wahl, aber was wusste ich schon, was in dieser Frau vorging? Und ein Tempel der Zwölf mochte am Ende dafür so gut geeignet sein wie der andere… Interessanter war eine andere Auskunft die er mir gab. Nach uns war noch eine rothaarige Nordländerin da gewesen (wohl Sawine), die eine halbes Stundenglas im Schneidersitz vor dem Mosaik gesessen war und sich dann wortlos verabschiedete. Sollte das bedeuten sie könnte ebenfalls eine Zauberwirkerin sein, vielleicht eine Hexe? Das würde ich bei nächster Gelegenheit überprüfen müssen, einfach um sicher zu sein und keine seltsamen Überraschungen zu erleben. Ich bat den Golgarit, falls noch jemand nach uns kommen sollte, diese auf die Zwerge zu verweisen. Einfach damit sie eine Gelegenheit haben mochten den Spuren weiter zu folgen, ohne ihnen aber zu viel Arbeit abzunehmen. Ein wenig eigene Leistung wäre dennoch von jedem zu erwarten. Dann ging ich mit Callen in die Unterkunft für ein Bierchen und ein Abendessen.
Am nächsten Tag, wir würden ja erst zur dritten Stunde unser Ziel erkennen, holten wir vom Kontaktmann der Ferraras noch das Gold für die nächste Etappe und ließen den Wagen zur Sicherheit noch einmal von einem örtlichen Stellmacher begutachten den er uns vermittelte. Ersatzteile waren hier allerdings nicht vorhanden, die würden wir erst in Brig-Lo erhalten. Der Kontaktmann war Alrik Alrikson, also ein alter Bekannter, Er informierte uns, dass die ersten Teilnehmer vorgestern Abend weitergefahren waren. Der alte Gerberod lag anscheinend in Führung und wir hätten insgesamt ein gutes Dutzend vor uns. Nun ja, es könnte besser, aber auch schlechter laufen…
Zur dritten Stunde standen wir dann vor dem Westtor um die Peilung aufzunehmen und folgten dann der Karawanenroute gen Efferd. Kugor trieb die Pferde ordentlich an um unseren Rückstand aufzuholen – was am Ende darin mündete, dass ich mein eigenes Pferd wohl etwas zu sehr in Wallung brachte und prompt aus dem Sattel fiel. Peinlich… aber ich wäre auf einem Drachen deutlich sicherer gewesen als zu Pferd. So musste ich mit einigem Abstand hinter der Blitz herzockeln, das Ziel hatte ich ja klar vor Augen, während die Kutsche in einer Staubwolke vor mir verschwand. Zumindest schien Kugor keinen Zweifel daran zu haben, dass ich ihm schon folgen würde… Bis zum Abend hatte ich ihn wieder eingeholt. Und da wir so spät losgefahren und die Pferde gut ausgeruht waren setzten wir im Lampenschein unseren Weg noch weitere drei Stunden in die Nacht hinein fort.
Als wir uns dann doch entschieden ein Lager zu suchen sahen wir abseits des Weges bereits im Vorgebirge einen Lichtschimmer. Nach der Erfahrung mit den Ogern näherten wir uns diesmal aber vorsichtiger und gemeinsam. Was sich jedoch als unnötig erwies, denn diesmal fanden wir ein ummauertes Gehöft. Und stießen dort sogar auf Gerberod, der wegen eines Achsbruchs zurückgeworfen worden war und seinen Streitwagen derzeit von einem aus Fasar herbeigeschafften Stellmacher instand setzen ließ. Er erklärte uns auch, warum wohl alle die das Mosaik noch zu Gesicht bekommen hatten so zielstrebig unterwegs waren. Auf diesem sei eine Abbildung des Sternenhimmels gewesen der auf die Richtung Westen und eine bestimmte Konstellation hingewiesen hatte. Davon hatten die Novizen natürlich nichts erzählt… das hätte es uns auch deutlich einfacher gemacht und nicht einen Tag Verzug gekostet.
Wir ließen den Abend mit Gerberod gemütlich ausklingen, ich mochte den alten Mann. Und wo wir schon so nett beisammen saßen, ließ ich mir von ihm endlich einmal dieses Getue mit den 12 ritterlichen Tugenden erklären, die aber eher als so etwas wie ein Ideal zu verstehen waren, anstatt das man sie denn tatsächlich alle konkret erreichen würde können.
Gerechtigkeit, Mut, Geduld, Barmherzigkeit, Frömmigkeit, Weißheit, Demut, Hoffnung, Selbstbeherrschung, Mäßigkeit, Beständigkeit und Minniglichkeit. Um ehrlich zu sein… mit den meisten davon würde ich tatsächlich recht wenig Probleme haben, auch wenn ich kein Ritter war. Das waren alles Prinzipien, die sich jeder gute Mensch auf die Fahnen schreiben sollte, ob von Adel oder nicht. Und auf die richtige Situation angewandt konnte man aus jeder dieser Tugenden etwas herleiten, was gerade passen sollte. Mal sehen… am schwierigsten wäre eher, sich das alles zu merken und zur rechten Zeit dann parat zu haben.
Am nächsten morgen ging es gut ausgeruht weiter. Der Weg dem wir folgten war manchmal bis zu zwei Wagen breit, ging aber stetig nach oben. Am frühen Nachmittag kam uns aus Richtung der Berge eine Quadriga entgegen, gelenkt von Cira vom Blauthann. Sie hatte die Aufgabe offenbar schon gelöst, was ein wenig ärgerlich war. Ohne langsamer zu werden hielt sie auf Kugor zu, aber letztendlich passierten sich die beiden Wagen in voller Fahrt, ohne dass es zu Handgreiflichkeiten gekommen war. Jemanden, sei es auf einem Pferd oder dem Wagen, zu bekämpfen ohne dabei die Tiere zu gefährden war wirklich schwierig. Und ich war mir nach wie vor nicht sicher, ob der Einsatz von Magie dazu vom Regelwerk gedeckt wäre. Also lieber zurückhalten. Und Cira war mir ja jetzt auch nicht unsympathisch gewesen, da gäbe es noch ganz andere…
Abends rasteten wir auf dem Weg, ein Obdach fanden wir diesmal nicht. Am folgenden Mittag erreichten wir schließlich den Fels, der wie ein Löwenkopf geformt war. Kurz danach zweigte ein Seitenarm des Tals in dem wir uns befanden nach Firun ab. Zahlreiche Spuren am Boden und abgerissene Sträucher deuteten darauf hin, das wir nicht die ersten waren die diesem Weg folgten. Die nächsten die uns entgegen kamen waren Arkos Shah und Haraian ben Hasrabal. Als letzterer uns passierte nahm ich ihn angesichts seines Vaters mit einem Odem Arcanum ins Visier. Er selbst schien völlig bar jeden magischen Talents zu sein, dafür war er aber mit mindestens einem Dutzend rot schimmernder, potenter Artefakte behangen. Interessant… diesen Kerl auszuplündern wäre vermutlich das lohnendste Ziel dieser ganzen Wettfahrt.
Als wir uns offenbar dem Ziel näherten fand sich ein Spalt im Fels rechts vor uns, der von Löwenstatuen mit hohen Helmen bewacht wurde. Die Sphinx hatte recht, die Zeichen waren jetzt nicht sonderlich subtil… ein schmales Tal wand sich hinter dem Spalt durch den Fels, aus dem sich ein rumpeln näherte. Bald darauf dröhnte Ragnarson mit seinen Nashörnern aus dem Spalt hervor. Erst als der Weg frei schien machten wir uns selbst auf den kühlen, dunklen Engpass zu durchqueren. In einer Art Wachnest über uns konnte ich ein paar Frauen ausmachen, die wie Amazonen aussahen. War ihre Gemeinschaft tatsächlich mit der Wacht über dieses verborgene Rondraheiligtum betraut? Ich war zwar bereit, aber erwartete eigentlich keinen Angriff von ihnen. Und hatte damit recht, denn wir passierten ihre Position unbehelligt. Am Ende des Spalts öffnete sich ein grüner Talkessel vor uns. Sein hinterer Teil wurde von einer Felswand abgeschlossen in die das Relief einer Burgmauer gemeißelt war und eine verblüffende optische Täuschung verursachte. Daneben stand der Zweispänner von Gilia von Kurkum und Ypolitta von Gareth schickte sich gerade an das Tal mit ihrer Quadriga zu verlassen, als wir hineinfuhren. Nun war ich wirklich gespannt, was uns dort vorne erwarten mochte.
Das „Burgtor“ das in den Felsen führte, war wie ein schwarzes Loch, flankiert von vier Amazonen. Die Schatten der Berge wurden langsam länger im Tal als wir dorthin fuhren, wo Gilia ebenfalls ihren Wagen abgestellt hatte. Die Pferde schirrten wir ab, damit sie etwas fressen und saufen konnten, bevor wir in die Tempelhöhle schritten. Im Inneren herrschten ein schummriges Halbdunkel und eine würdevolle Stille. Die Höhle war riesig, mit prunkvoll ausgearbeiteten Steinsäulen die von Löwinnen gekrönt wurden. Ganz hinten fiel ein Lichtschein von oben auf eine große, in den Boden eingelassene Steinplatte, in der etwas längliches blinkte, ein rotgoldener Rondrakamm. Davor kniete eine betende Amazone, daneben waren schwarzverkohlte Wände und geschmolzener, glasartiger Sand. Gilia begrüßte uns respektvoll und begann zu erzählen. An diesem Ort, auf der Steinplatte, war wohl der Donnersturm gestanden. Ein Blitz hätte hier den Berg gespalten, so das Leomar den Donnersturm finden konnte. Nicht nur der Donnersturm wurde hier gefunden, es war auch die Schwurhöle des Amazonenvolkes wo diese ihren Volksbund gegründet hatten. Der Rondrakamm war dem Schwert der Herrin Rondras selbst nachempfunden, in den Stein gemeißelt und mit Rotgold ausgelegt, als Symbol für den Donnersturm, der ebenfalls eine Waffe sei. Eine Waffe, die in den wichtigsten Schlachten der Zeitalter eingesetzt wurde, so wie vor zwei Jahrtausenden die Streitwagen die gefürchtetsten Truppen waren. Aber, und das war der Amazonenkönigin wichtig, das wir dies verstanden, es sind wir Sterbliche, welchen diese Waffen führen, die im Kampf den Unterschied machten.
Gilia wartete hier an dieser Stelle, um allen Teilnehmer das Wissen zu vermitteln und die „Eindringlinge“, also alle anderen Teilnehmer, zu empfangen, obwohl sie selbst Teilnehmerin war und damit ihren Vorteil aufgab. Ein gutes halbes Dutzend war schon hier gewesen, nun wartete sie auf den Rest. Neben dem Ruß an der Wand war eine Inschrift eingemeißelt. „Nehmt nun durch meine Hände den Donnersturm an Euch, Leomar. Stärkt ihn mit seinem und Eurem Ruhm. Und wisset ihn zur rechten Zeit zu gebrauchen.“ Ich notierte mir die Worte zur Sicherheit in ein kleines Büchlein. Yazinda unterrichtete dann Gilia noch über die Warnungen der Sphinx und die Schändung des Rondratempels von Fasar. Davon wusste sie natürlich noch nichts, da sie bereits weit vorher die Stadt verlassen hatte – sie hatte ja als einzige von allen Teilnehmern gewusst, wo dieser Ort zu finden war.
Ich sah mich ein wenig im Temepelraum um, diese Gelegenheit würde ich wohl nie wieder erhalten. Die bemalten Wände zeigten meistens Löwenstatuen und Sphingen, aber auch ein gegenständliches Gemälde. Eine Blitzumtoste Löwin im Himmel und Streiter, die Gilia dem Moment des ersten Schwurs zuordnete, zur Zeit der Priesterkaiser, als das Amazonenvolk gegründet wurde. Aus dem Widerstand gegen die Priesterkaiser im Namen Rondras entstanden die Amazonen: Die erste Amazone, Ayla al Yeshinna, scharte die acht Mitstreiter auf dem Bild um sich, um gegen die Praioti Widerstand zu leisten. Die drei adligen Brüder, Männer, wandten sich nach dem Schwur für 1000 Goldstücke gegen die Schwestern, wurden aber vor dem Verrat gestellt und geschlagen. Deswegen waren die Amazonen seitdem nur Frauen, alle Männer galten ihnen seitdem als Verräter. Die Schilde der Männer schienen die Wappen der Adligen zu zeigen, aber es mochte auch bloßer Schmuck sein.

Weitere spannende Entdeckungen konnten wir in der Höhle aber nicht machen. Als wir nach draußen in das vergehende Licht nach traten konnten wir die frische Bergluft genießen. Kugor schickte sich an die Pferde wieder anzuschirren, damit wir noch ein paar Meilen schaffen würden, als ich ein leises Summen hörte. Meine Nackenhaare stellten sich auf. Der Talboden kräuselte sich, als wäre der Fels wie Wasser. Ein dutzend mannsgroße, ölig schimmernde Maden wanden sich einige Dutzend Schritt entfernt von uns hervor, stinkend, mit Tentakeln und Zähnen bewehrt. Ich rannte zu meinem Pferd um nach Streitkolben und Schild zu greifen, Callen und Yazinda folgten mir. Dann ertönte ein Kriegshorn um Alarm zu geben. Auch Gilia folgte uns um ihre Pferde zu schützen und zog einen blauschimmernden Amazonensäbel. Ich wollte meinen Augen kaum trauen: Valaring, das heilige Schwert der Amazonen. Dieser Tag hielt unglaubliche Wunder für mich bereit – und es war noch nicht das Ende, wie ich bald erfahren durfte. Dann stürzten wir uns auf die nächsten Maden. Erst waren es zwei, dann kamen weitere vier dazu. Waffen schienen ihnen kaum zu schaden, ihre Haut war wie ein Stahlpanzer, ihre wenigen Wunden heilten sich sogar binnen Herzschlägen von selbst. Auch ein Faustschlag den ich eingedenk des Sphingenrätsels einem der Monster verpasste, schien ihnen nichts auszumachen.
Aber die Hinweise den Sphinx waren sicher nicht umsonst. Es hieß jetzt weiterzuprobieren, denn mit roher Gewalt war den Biestern nicht beizukommen. Kugor lupfte eine der Maden in die Luft, die dabei regelrecht zu erstarren schien. Ich rannte zu ihm hinüber um einen Schlag darauf landen zu können. Es war fast, wie auf einen Topf einzuschlagen, und diesmal schien der Treffer deutlich weicheres Fleisch zu treffen, verursachte offensichtlich viel mehr Schaden als zuvor. Aber obwohl wir nach und nach einige wenige erschlagen konnten wurden es immer mehr, so dass wir bald gezwungen waren uns in den Tempel zurückzuziehen, obwohl noch während des Gefechts Gerberod durch den Taleingang herangedonnert kam und sich im Kampf an unsere Seite stellte. Ich überlegte bereits fieberhaft, wie wir einen geordneten Rückzug zustande bringen mochten, als donnernde Schritte den Talboden erschütterten, die die Maden sich in Agonie winden ließen. Ein tiefkehliges schnaufen und grummeln ertönte, als uns ein fellbekleideter sieben Schritt großer Riese zur Hilfe eilte. Der leibhaftige Adawat, das nächste Wunder des Tages, stürzte sich mit der Kraft der Berge auf die widernatürlichen Wesen, die sich wimmelnd ihm zuwanden, aber von dem Riesen nach und nach vernichtet wurden. Als sich der Staub der Schlacht legte sah ich, dass drei der vier Amazonen am Tempeleingang schwer verletzt am Boden lagen. Die Bestien hatte auch unter den stolzen Kriegerinnen fürchterlich gewütet.
Es war nicht ganz einfach, aber wir konnten uns mit Adawat sogar unterhalten, als die Kämpfe geendet waren. Die Maden seien ungeschaffenes altes Übel von draußen, also Dämonen. Er nannte sie „Kinder der Vielleibigen“. Dann begann der Riese erstaunlich sanft Yazinda, die von den Maden übel zugerichtet war, und die Amazonen zu heilen. Erstaunlich, allein durch seine Berührung schenkte er ihnen Lebenskraft. Waren Riesen etwas zaubermächtig? Den Donnersturm nannte er „die alte Waffe“ und die Amazonen „seine Kleinen“. Dieses alte Wesen war wirklich faszinierend. Bevor er wieder ging schenkte er uns für die Hilfe, wobei ja eigentlich er es gewesen war der uns geholfen hatte, ein armlanges Kriegshorn aus Tatzelwurmknochen, mit dem wir ihn einmal rufen könnten, soweit wir in seinem Heim sein würden. Callen verwahrte es erst einmal für uns, aber wir waren uns beide einig, dass wir es, so wir es nicht bräuchten, den Amazonen für ihren Tempel geben würden. Diese tapferen Frauen konnten in ihrem ewigen Kampf gegen das Böse jeden Beistand gebrauchen, den sie erhalten könnten. Und eine Naturgewalt wie ein Riese mochte ihnen noch mehr helfen, als uns.
Gilia war während wir uns mit dem Riesen unterhalten hatten nicht bei uns, sondern zu ihren Pferden gegangen, die an ihren langen Leinen von den Maden getötet wurden waren, während wir unsere Tiere verteidigt hatten. Ihr Rennen war damit hier zu Ende. Dennoch dankt sie uns, obwohl wir Männer waren, aber sie erklärt uns für würdig, das Rennen weiterzufahren und im Namen Rondras auch für das Volk der Amazonen zu fahren. Eine höhere Ehre konnte man sich kaum vorstellen!
Da es mittlerweile fast schon dunkel geworden war beschlossen wir, die Nacht mit Gilias Erlaubnis, noch im Tal zu verbringen. Wir hatten unser Lager gerade soweit hergerichtet, als Sawine vom Swellt mit ihren beiden Begleitern ins Tal gefahren kam. Ich begrüßte sie freundlich, aber sie machte sich sofort daran in den Amazonentempel zu gehen.
Ich folgte ihr. Mit dieser hübschen Dame hatte ich mich ohnehin unterhalten wollen. Da Gilia nirgends zu sehen war übernahm ich es, ihr die Geschichten und Hintergründe zu erklären. Dennoch war sie beständig misstrauisch mir gegenüber. Als ich ihr von den Vorfällen mit den Maden und dem Riesen erzählte schien ich das erste mal ihre volle Aufmerksamkeit zu haben – und für eine einfache Wagenlenkerin wusste sie für meinen Geschmack viel zu viel über widernatürliche Wesen. Ich fragte sie, sehr offen und sehr freundlich, ob sie zufällig eine Hexe sei. Hätte ich mit dem Streikolben in einen Bienenstock geschlagen, die Reaktion wäre nicht anders ausgefallen. Sie ging sofort in eine abweisende, abwehrende Haltung, aus der es mich einige Mühen und Beteuerungen kostete, sie wieder herauszuholen. Da hatte ich wohl ins Schwarze getroffen. Aber ich versprach ihr bei den Zwölfen, dieses Geheimnis zu bewahren. Im Gegenteil würde ich jetzt nur noch mehr darauf achten, dass ihr nichts zustoßen würde. Ich kannte ihre Ziele und Beweggründe an dem Rennen teilzunehmen nicht, aber ich hatte ein gutes Gefühl bei ihr. Als ich sie endlich soweit hatte, meinte sie, es würden wohl irgendwelche Paktierer unter den Teilnehmern sein, wer auch immer es sei, und unsere Aufgabe wäre es nicht zu gewinnen, sondern nur dafür zu sorgen, dass es nicht die Falschen wären. Ich mochte ihre Einstellung.
Als wir wieder herauskamen beschloss ich zur Feier des Tages und unseres Sieges eine Flasche Bosparaner aufzumachen. Immerhin Jahrgang 234, also fast 800 Jahre alt. Ob er noch gut war, dafür wollte ich den anderen keine Garantien geben, aber exklusiv war es auf jeden Fall. Auch Sawine gab ich ein wenig ab, aber sie wollte nicht mit uns trinken sondern nahm ihren Becher mit zu ihren eigenen Gefährten, um mit diesen den Schluck zu teilen. Eine interessante Frau. Vielleicht hätte ich ja noch die Gelegenheit sie irgendwann besser kennen zu lernen. Ich hätte nichts dagegen…
Die Nacht verlief glücklicherweise ruhig und wir brachen recht früh in aller Eile auf zurück Richtung Fasar. Auf dem Weg kam uns zunächst Reo Conchobair entgegen. Der überhebliche Nachwuchsadlige meinte doch tatsächlich, sich mit uns anlegen zu müssen. Ich hätte ihm gern meinen Stab zwischen die Speichen seines Wagens gestoßen, aber dafür waren wir zu schnell aneinander vorbei. Und im Kampf zu Pferd war ich ja ohnehin nicht zu gebrauchen. Weiter unten im Flachland kam uns die nächste Staubwolke entgegen, es waren die Zwerge mit ihrem Panzerwagen. Nicht nur, dass sie uns, wieder einmal, mit ihrem Katapult beschossen, sondern sie legten vor Kugor sogar eine Ölspur in eine Kurve, so dass er Mühe hatte den Blitz in der Spur zu halten. Ich hatte von diesen Zwergen langsam gestrichen die Nase voll! Da ich wie meist als letzter ritt, hatte ich kurz Zeit zu reagieren. Ich zog einen der Lederschläuche vom Sattel, entfernte den Verschluss und spritzte, während die Zwerge an mir vorbeifuhren, das Hylailer Feuer aus dem Schlauch über ihren Wagen. Ein Blick über die Schulter, ich drehte mich im Sattel und entzündete den sich schnell entfernenden Zwergenwagen mit einem kleinen Ignifaxius… hoffentlich war das Problem damit endgültig beseitigt. Im eiligen Trab folgte ich Kugor, der recht schockiert auf den brennenden Streitwagen hinter sich blickte.
Abends passierten wir das Zelt von Harayan ben Hasrabal, sein Wagen stand aufgebockt zur Reparatur daneben. Anscheinend hatte auch er einmal einen Achsbruch erlitten. Mitleid mit ihm brachte ich jedoch keines auf. Im Gegenteil, ich hätte ihn zu gern endgültig aus dem Rennen genommen, aber Rastende waren ja von den Regeln des Rennens geschützt.
Wir selbst übernachteten auf einem Gehöft nahe Fasar und fuhren am nächsten Tag nach Süden weiter. Am späten Nachmittag erreichten wir eine kleine Stadt aus schmucken, weißen Häusern die von einer kleinen Mauer umgeben waren. Fünf Männer warteten davor und winkten uns freundlich zu sich heran und da wir ohnehin noch zu Abend essen müssten, hielten wir an. Ein dicklicher Kerl in Pluderhosen begrüßte uns in Naggilah und im Namen seines Herren, dem Emir Rafim Bey ibn Rizwan. Zu sagen, dass mir der Name bekannt vorkam, wäre untertrieben. Der Emir unterrichtete auch immer wieder einmal an der Akademie in Kunchom und bildete ansonsten privat Schüler aus. Von ihm hatte ich in meiner Zeit dort den Analys Akanstruktur erlernt. Und ich wusste, das er, obwohl ein angehöriger der Grauen Gilde, in der Lage war nach alttulamidischer Tradition Dämonen zu beschwören. Nur vor mir hatte er es bisher nicht gewagt, da meine Einstellung zu diesem Thema in Kunchom recht bekannt war. Um diese Einladung zum Abendessen kamen wir also in keinem Fall herum.
Ein kleiner Nachteil daran war, dass er mich überschwänglich begrüßte und damit nun endgültig vor allen meinen Gefährten mein Status als verdeckter Zauberer, Kampfmagister, Drachenkundler und was noch alles offengelegt war. Aber gut… solange sie es nicht an die große Glocke hingen wenn wir wieder unterwegs waren, war ja alles in Ordnung. Wir verbrachten einen wunderbaren Abend und ein opulentes Mahl bei ihm, hier hatten wir nichts zu befürchten. Zum Abschluss des Abends bot ich ihm an auch für ihn und die Akademie Kunchom zu fahren, wenn er uns das Banner Naggilahs und der Akademie mitgeben wollte. Er war begeistert von dieser Idee, und damit hatte ich gleich noch zwei Fahnen mehr am Sattel hängen.
Die nächste Überraschung erwartete und an einer Abzweigung mit verdrehtem Wegweiser hinter El Trutz. Hier hatte sich anscheinend einer unserer Konkurrenten, ich tippte spontan auf Boran, wohl einen kleinen Scherz erlaubt um die nachfolgenden in die Irre zu führen. Aber wir hatten ja eine Karte, so dass es uns direkt auffiel. Bevor wir unten herum Richtung Selicum unseren Weg fortsetzten drehten wir die Tafel wieder in die richtige Richtung. Abgesehen davon, dass der Versuch der Irreführung recht plump war, schien es uns allen das richtige. Es mochte ja nicht jeder der noch hinter uns kam entsprechend kundig sein, das zu erkenne. Diesen Boran würden wir uns bei der nächsten Gelegenheit wirklich vorknöpfen müssen…
Einen Tag hinter Nagilah hatten wir dann eine unangenehme Begegnung mit einem Rudel Khoramsbestien in der Nacht. Wirklich lästige Biester, die uns recht ordentlich zusetzten. Mir gar so sehr, dass ich am nächsten Tag bei Kugor mitfahren musste, während Yazinda mein Pferd mehr schlecht als recht ritt. Besonders schnell kamen wir so jedenfalls nicht voran. Solche Scharmützel sollten wir uns nicht öfter als nötig erlauben. Das war nicht nur schmerzhaft, sondern warf uns auch immer weiter zurück im Teilnehmerfeld.
Am Mittag erreichten wir Selicum. Ein schmuckes Städtchen mir Mauer und den typischen weißen Häusern. Ein großer brauner, angeschwollener Fluss strömte hier vorbei. Dennoch gönnten wir uns eine kurze Pause zum Mittagessen, bevor wir weiterfuhren. Solch eine Gelegenheit musste man nutzen. Der Fluss war der Erkin und hier etwa 15 Schritt breit. Ein flacher, breiter Kahn lag am anderen Ufer an einem Landesteg und ein Seil war gespannt um sich hier hinüberziehen zu können. Aber wir mussten gar nicht selbst tätig werden, da die Fährleute bereits bereit standen um uns überzusetzen. Wir fragten nach anderen Streitwagen die sie übergesetzt hatten, einfach um zu wissen wo wir im Feld lagen. Callen zahlte dem Fährmann 17 Silbertaler, damit er für seine zahlreiche Verwandtschaft weit weg vom Fluss betete, eine Stunde für jeden seiner Angehörigen. Und damit zumindest die hinter uns befindlichen etwas später erst übersetzen würden. Aber überprüfen, ob er seiner göttergefälligen Aufgabe nachkam, konnten wir natürlich nicht.
Am Nachmittag war es sehr heiß geworden, der Wind blies nun meist aus Richtung der Khom und machte den Weg immer unangenehmer. Abends schafften wir es nicht bis zum nächsten Dorf, sondern mussten uns mit einem Bauernhof am Mahanadi zufriedengeben. Aber immer noch besser, als wieder im freien von irgendwelchen wilden Tieren überrascht zu werden. Die Pferde des Streitwagens waren nach dem langen Tag recht erschöpft und hatten leichte Koliken, ja bekamen dann sogar durchfall. Aber Yazinda und Kugor kümmerten sich vorbildlich im Nori, Ori und Dori, so dass sie die Nacht gut überstanden.
Abends kam noch ein weiterer Wagen, der 2-Spänner mit Sawine am Steuer. Sie wollte aber ihre Ruhe und holte sich nur etwas zu essen. Ich nahm eines der Gästezimmer der Bauern um meine Verwundung weiter auszukurieren. So gut ging es mir immer noch nicht. Aber es sollte keine ruhige Nacht werden.
Während Callens Wache ertönte auf einmal sein lautes Rufen: Die Scheune brannte lichterloh. Mir war einfach keine Ruhe vergönnt… ging das noch mit rechten Dingen zu?
Als ich auf den Hof kam, die Menschen waren alle in hellem Aufruhr, meinte einer der Bauern, es wäre wohl noch ein Kind in der Scheune. Allerdings hatte sich das Feuer bereits dermaßen ausgebreitet, dass es fasst Selbstmord war, dort noch hinein zu wollen. Ich seufzte, zögerte aber nicht und rannte hinein. Wer außer mir hätte sonst noch helfen können? Wofür hatte ich denn in Draconia den Matrixgeber mit dem Leib des Feuers erhalten? Was gegen Drachenfeuer half, würde auch an einer brennenden Scheune nicht versagen… Dummerweise meinte Callen allerdings auch noch, mir folgen zu müssen. Und er war natürlich ungeschützt. Ich fand das Kind hinten im Heuboden und holte es herraus, da mir die Gluthitze nicht das geringste ausmachte. Callen war mir dann glücklicherweise nicht weiter gefolgt, das Feuer und der Rauch hatten ihn zurückgehalten, aber er hielt mir die Tür auf, während ich mich schützend über das Kind gebeugt dem Ausgang näherte. Wir weckten Yazinda, die anscheinend einen recht gesunden Schlaf hatte, damit sie nach dem Kind sah. Aber irgendetwas war seltsam. Ich fing an mit Callen zu singen, uns ging es hervorragend und wir waren bester Stimmung. In der brennenden Scheune hat es nach süßlich gerochen…. Am nächsten Morgen erfuhren wir, das dort die Zhitabar-Ernte, also Rauschkraut eingelagert gewesen war… und es musste ziemlich viel gewesen sein… die unpassend euphorische Stimmung begleitete uns noch eine ganze Zeit… aber wir hatten eine glückliche Nacht. Früh suchte ich noch in der Asche, ob vielleicht doch noch etwas da war. Sawines Goblin hatte anscheinend die gleiche Idee gehabt und wir suchten in friedlicher Eintracht nach Resten. Tatsächlich fand ich ein paar übrige Portionen, die ich einsteckte. Irgendwann auf dieser Reise würde ich sicher noch etwas Entspannung gebrauchen können…
Am Mittag erreichten wir Bukta. Sawine hat uns früh bereits überholt bevor wir losgekommen waren, aber wir trafen sie dort in der Karawanserei wieder. Ihr Begleiter, der Goblin, schien ausgefallen zu sein, er hatte sich wohl heftig an dem gefundenen Rauschkraut bedient. Ansonsten geschah an diesem Tag aber nichts berichtenswertes. Und am nächsten Nachmittag erreichten wir Merina von wo ab der Weg nur noch ein Karawanenpfad war und die Weiterfahrt deutlich holpriger wurde.
Merina verfügte über drei Karawansereien, von der wir uns die am weitesten gen Efferd gelegene aussuchten und dort auch Gerberod wiedertrafen. Man merkte aber, dass wir langsam in einen anderen Kulturkreis kamen. Yazinda bekam von den Männern hier nicht einmal Auskunft auf ihre Fragen weil sie eine Frau war und Callen musste als ihr Herr einspringen. Dämliche Novadis! Zumindest aber bekamen wir hier Ratschläge für die Weiterfahrt und nahmen daher für gutes Gold so viele Vorräte an Essen und vor allem Wasser mit, wie wir auf Wagen und Pferden unterbringen konnten.
Daher ging es am nächsten Tag auch schwer beladen weiter. Wenigstens ließ sich der Karrenpfad gut fahren, weil es die letzten Tage trocken gewesen war. Aufgeweicht wäre es eine echte Schlammbahn gewesen. Der Wind wurde von Stunde zu Stunde wärmer und die Pferde benötigten nun häufige Pausen und immer mehr Wasser. Am Nachmittag lag das erste Stück Sandwüste hell und gelb leuchtend vor uns. Am Abend sahen wir in der ferne einen dunklen Fleck am Rande der Wüste, den wir ansteuerten. Es war die Oase Alam-Therek, die zwar von keiner Mauer, aber einem dichten Gestrüpp schützend umgeben war. Gerberod war schon vor uns da und Sawine kam kurz nach uns an. Viel später fuhr auch noch Praia vom Fluss herein, sonderte sich aber von uns ab. Dafür hatten wir einen vergnüglichen Abend mit Gerberod und Sawine, die immer wieder eine gute Gesellschaft abgaben.
Am nächsten Tag fuhren wir früh los, hier war es einfach besser die kühlen Morgenstunden zu nutzen um Strecke zu machen, auch wenn es dann noch sehr kalt war und der Wind vom Raschtulsturm herunter blies. Aber im Vergleich zur Hitze des Tages war mir das allemal noch lieber. Von hier an ging es durch die Wüste, und das machte es nicht besser. Die Landschaft bestand nur noch aus Lehm, Sand und Fels. Der Wind drehte bald in die andere Richtung und blies uns die Hitze der Wüste ins Gesicht. Bereits vor Mittag legten wir eine längere Rast ein, bauten uns aus den Zeltplanen Schattendächer und blieben bis zur vierten Stunde des Nachmittags darunter, bevor wir weiterfuhren.
Kurz vor der Dämmerung meinte ich ein ungewöhnliches Summen und Brummen vor uns aus einem Tal zu hören. Als wir über eine Kuppe gegenüber fuhren sahen wir, was es auslöste. Eine riesige, sich bewegende schwarze Wolke zog vor uns gen Praios – Myriaden von Heuschrecken auf Wanderschaft! Wir schafften es gerade noch abzusteigen, die Pferde anzupflocken und ihnen einen Augen- und Ohrenschutz anzulegen, bevor der Schwarm über uns hinweg zog. Dere schien regelrecht in brummender Finsternis zu versinken. Aber, und das wusste ich, die Dinger waren auch eine leckere kleine Mahlzeit. Ich musste nur die Hand ausstrecken, und hatte sozusagen das Abendessen zwischen den Fingern. Sicherlich ein halbes Stundenglas waren wir auf die Stelle gefesselt, bevor sich die Welt um uns wieder lichtete und wir schließlich weiterfahren konnten.
Im nächsten Tal erwartete uns ein trauriger Anblick. Einen steilen Abhang hinunter sahen wir einen leichten, zerschmetterten Wagen liegen. Das war Rondrinas Straußenwagen! Sie musste versucht haben durch den Schwarm zu fahren und die Kante übersehen haben. Oder ihr waren vielleicht die Strauße durchgegangen? Wir würden es wohl nie erfahren. Denn nicht nur eines ihrer Tiere, sondern auch sie lag tot in den Überresten ihres Gefährts. Aber ich wusste ja, sie war nicht alleine gewesen. Während die Anderen nach der Toten sahen machte ich mich auf die Suche nach ihrer Begleiterin. Eine halbe Stunde später wurde ich fündig und führte ihre Freundin zu der Unglücksstelle. Wir boten ihr an, Rondrina mit uns zum nächsten Borontempel zu nehmen, aber das verweigerte sie. Sie wollte ihre Freundin zurück in die Heimat führen, weswegen wir uns die Zeit nahmen den leichten Straußenwagen zumindest soweit wieder herzurichten, Kugor war darin mittlerweile erstaunlich geschickt, dass sie den verbliebenen Srauß davor spanne konnte und so einen Karren hatte, der die Tote transportieren konnte. Da es sich nun nicht mehr lohnte noch groß weiter zu fahren machten wir dann auch direkt die Nachtrast an der Stelle.
Wieder brachen wir früh auf und setzten von hier aus unseren Weg gen Firun fort. Es wurde ein ruhiger Tag. Ab dem Nachmittag wurde die Gegend hügelig und wir fuhren nun schon in die Ausläufer der Berge hinein. Dort begann ich, weil sich unsere Vorräte dem Ende entgegen neigten, nach einer Quelle. Aber es war immer noch dürres Land. Und obwohl ich mich durch meine früheren Reisen in der Wüste ganz gut auskannte… wenn es kein Wasser gab, gab es einfach keines. Der Weg bis ich abseits der Anderen die weiterfuhren ein trübes Wasserloch fand, war ziemlich lang. Daher kam ich auch erst gegen Mitternacht zu unserem Lagerplatz und nahm dann Yazinda mit um die auf die Pferde gebundenen Fässer wieder zu füllen. Wir kamen erst zur zehnten Stunde zurück und ich ritt ziemlich müde am nächsten Tag weiter. Nun ja… auch im Sattel konnte man ein wenig dösen.
Der Vormittag war schon fast vorbei, als wir eine Talsenke erreichten, in der der Wagen von Jorge stand. Allerdings nicht mit vier, sondern sieben Nashörnern! Drei warzige Vertreter der Gattung waren hinzugekommen und schienen sich in Paarungsstimmung zu befinden. Jorge machte beruhigende Bewegungen, und wir umgingen das geschehen lieber weiträumig. Als wir bereits zwei Drittel des Weges geschafft hatten wurde doch eines der Tiere auf uns aufmerksam und meinte, uns vertreiben zu müssen. Wir taten ihm den Gefallen und beschleunigten nun zügig, um aus der Gefahrenzone zu kommen, wurden aber nicht weiter von dem schnaubenden Monstrum verfolgt.
Später, es war schon Nachmittag, erwartete uns die nächste unangenehme Überraschung. Neun Ferkinas auf Ponys ritten mit aggressiven Gesten auf uns zu, vermutlich um uns zu überfallen. Aber uns als leichte Opfer zu bezeichnen wäre wohl falsch gewesen… Callen gab seinem Pferd die Sporen und ritt seine Klinge schwingend auf die Räuber zu. Kugor fuhr die Sicheln am Blitz aus und raste direkt hinterher. Nur Yazinda und ich, die schlecht auf Wagen oder Pferd kämpfen konnten, stiegen ab um sich dem Ansturm zu Fuß zu stellen. Wir zwei hätten nicht falscher liegen können! Bereits beim ersten Anfahren säbelte Kugor mehrere der Ponys und Reiter um, nahm im Gegenzug aber einen Pfeil in den Kopf hin. Callen teilte wie ein Berserker vom Pferd aus und bis Yazinda und ich auch nur Ansatzweise beim Kampf angekommen waren lagen die meisten Ferkinas tot oder verblutend am Boden, bzw. waren auf der wilden Flucht.
Yazinda kümmerte sich erst einmal um Kugor und musste feststellen, dass der Pfeil den er abbekommen hatte vergiftet war. Gonede, das Gift des Gelbschwanzskorpions, ein gefährliches und potentes Mittel. Aber zu Kugors Glück war sie eine wirklich hervorragende Medica. Aus den Kadavern der Ferkinas bargen wir noch etliche Portionen mehr des Waffengifts, die Pamina an sich nahm. Wer mochte schon wissen, wofür sich das noch als nützlich erweisen mochte?
Am nächsten Tag waren wir wieder auf dem Weg unterwegs, wie uns die zahlreichen Karrenspuren bewiesen. Am späten Vormittag sahen wir einen schweren, eisenverstärkten Zweispänner Wagen vor uns den Berg hinauffahren. Boran! Mit dem hatten wir ja noch die ein oder andere Rechnung offen… der Weg war zwar Steil, aber wir holten langsam auf. Aber wieder entkam uns der Hund. Nach einem Hügelrücken fanden wir uns vor einer Schlucht, über die eine Seilbrücke führte. Und gerade als wir ankamen sahen wir noch, wie der Mistkerl die Taue durchschlug und die Konstruktion in die Tiefe stürzte. Das war ein Problem…
Von hinten hörte man ein japsen und jaulen herankommen, während wir noch überlegten was zu tun sei. Der Wolfswagen der Grolme! Aber statt die Fahrt zu verlangsamen beschleunigten die Irren Gnome… und fuhren einfach durch die Luft über die Schlucht hinweg und dort vorsichtig weiter. Das musste Zauberwirken gewesen sein. Grolme waren ja einiger außergewöhnlicher magischer Dinge fähig, wie es hieß…
Als nächste kam Sawine herangerauscht und auch sie hielt nicht an, sondern fuhr vorsichtig über die Schlucht. Fast war es, als würde ihr Wagen fliegen… und bei ihr hatte ich einen leisen Verdacht, woran das gelegen haben mochte. Wenn wir sie wiedersahen würde ich mir ihren Wagen einmal genauer ansehen müssen… nur die Reiterin die sie begleitete blieb auf unserer Seite der Schlucht zurück.
Als nächsten kam Hasrabal, und auch dieser wiederholte ein ähnliches Kunststück. Bei ihm war deutlich zu sehen, dass ein Elementar der Luft seinen Wagen über die Schlucht trug. Waren wir denn die einzigen, die hier dumm stehen bleiben mussten? Leicht angesäuert knüpfte ich mehrere Seile zusammen, kletterte in die Schlucht hinab um die Brücke anzubinden und stieg auf der anderen Seite wieder hinauf. Bis ich das Konstrukt dann soweit gesichert hatte, dass es hoffentlich wieder tragfähig war verging eine gute Stunde. Den Zwölfen sei’s gedankt… meine Zeit in den Bergen hatte mich nicht nur das Klettern, sondern auch eine erstaunliche Anzahl stabiler Knoten gelehrt.
So konnten wir auch endlich, wenn auch langsam und vorsichtig, über die Schlucht fahren. Und wir ließen sie natürlich für alle nachfolgenden intakt. Auf das Niveau von Boran würden wir uns nicht herabbegeben…
Die nächsten eineinhalb Tage fuhren wir in stetig grüner werdender Umgebung weiter, meist bergab. Es war offensichtlich das wir wieder zivilisiertes Land erreicht hatten. Bald waren wir sogar von verträumten Weinbergen umgeben und die Straße führte uns hinab ins Tag des Yaquir
Endlich im grünen Almada – der schöne grüne Wald war eine willkommene Abwechslung zur kargen Landschaft der letzten Tage und von Douglasien und Zedern geprägt. Hinter Al Keshil wurde aus dem Bergweg endlich eine befestigte Straße. Die Bauern winkten uns freundlich zu und Kinder rannten hinter dem Wagen her… die Leute schienen sich des Rennens bewusst und von unserer Durchfahrt begeistert zu sein.
Schließlich erreichten wir Omlad am Yaquir, das im Schatten von Santeloh lag, einer trutzigen, nach modernster zwergischer Festungsbaukunst errichteten Feste auf einem großen Sporn über dem Fluss. Die Stadt zog sich von den Hängen des Bergs bis in die Flussauen. Der Yaquir war hier sicher 100 oder mehr Schritte breit, ein mächtiger Strom der sich durch das Tal wälzte. Auf den Stadtmauern waren zahllose Fahnen gehisst. Leute warteten auf uns und schwenkten kleine Fähnchen. Wir mussten langsam durch die Menge fahren um niemand zu gefährden, aber es war ein herzlicher und schöner Empfang. Hinter der Stadtmauer trat uns ein junges Mädchen von vielleicht 12 Jahren in den Weg und knickste vor dem Wagen. Ihr Name war Novara. Sie gab Kugor einen Blumenkranz und grüßte uns im Namen des Herrn Garwein. Kugor, der sichtlich gerührt war und seine Freude kaum verstecken konnte, ließ die Kleine sogar sie ein Stück mitfahren. Allerdings wurde sie auf der anderen Seite der Stadt von ihrem Bruder wieder vom Wagen geholt. Der Bursche war weit weniger enthusiastisch von unserem Rennen als seine Schwester.
Wir fuhren unter Jubel durch die Stadt bis zur Fährstation. Vor uns war Sawine und die Grolme warteten auch schon auf eine Passage hinüber. Auf der gerade übersetzenden Fähre befanden sich wohl Boran und Gerborod. Die nächste nimmt Fähre nahm den Wolfswagen und Sawine auf. Wir mussten noch eine weitere Fähre abwarten, aber es waren sogar zwei im Einsatz um den Verkehr zu beschleunigen. Ich holte uns derweil etwas Bier und gebratenen Fisch, Brot und Soße aus der nächsten Schenke. Die Zeit konnten wir genauso gut für ein ordentliches Essen nutzen. Und von einem fliegenden Händler erwarb ich Süßigkeiten aus einem Bauchladen für 4 Silber. Bis ich zurück gekommen war hatte die nächste Fähre schon angelegt und war mit unserem Wagen und den Pferden voll beladen. Die Fähre war ein flacher Lastkahn der anscheinend behelfsweise eingesetzt wurde um das aufkommen zu bewältigen. Callen zahlte 5 Silber aus der Reisekasse für die Überfahrt. Alles wirkte entspannt und friedlich.
Wir waren mit 4 rudernden Flussschiffern auf der Fähre, die auf einmal platschend ins Wasser sprangen und mit kräftigen Zügen nach Omlad zurück schwammen, während wir begannen unkontrolliert Flussabwärts zu treiben. Mein erster Blick galt unserem Boot. Aber der Kahn hat kein Loch, wie ich zuerst befürchtete. Ein Ruder blieb zurück an Bord, dass sich Yazinda und Kugor nahmen um den Kahn wenigstens etwas zu steuern. Aber ein Ruder war auf keinen Fall genug. Ich aktivierte meinen Wellenlauf-Ring um die übrigen, abtreibenden Ruder einzusammeln. Ich war gerade losgelaufen, da traf mich ein scharfer Schmerz am linken Arm, Bein und in der Brust. Pfeile steckten in mir und ich hatte keine Ahnung, woher diese gekommen waren! Ein Ruder erwischte ich und brachte es zurück. Beim Versuch ein weiteres zu holen bekam ich eine zweite Salve ab und musste mich hinter dem Wagen in Deckung bringen um nicht wie ein gespickter Igel zu enden. Der Feind lauerte uns am jenseitigen Ufer im Gebüsch auf und nahm uns weiter unter Feuer, während wir langsam an seiner Stellung vorbei trieben. Einen der Schurken konnte ich mit einem Ignifaxius ansengen, aber das war nicht genug. Ich sah bestimmt ein halbes Dutzend Gestalten, die dort in ihren Verstecken lagen. Auch Kugor, die Pferde und Callen wurden getroffen, bis wir endlich außer Reichweite der feindlichen Bögen waren. Das war eine höchst unangenehme Angelegenheit gewesen.
Yazinda zog noch auf dem Kahn mir und dann an Land den anderen die Pfeile aus dem Körper. Ein halbes Stundenglas später schafften wir es mit unserem einzelnen Ruder am Nordufer in einem Gestrüpp anzulanden und brachten Pferde und Wagen ans Ufer. Der flache Kahn konnte weit das Ufer hinaufgezogen werden, fast wie eine echte Fähre. Wir machten zunächst direkt dort am Ufer ein Lager. Dann kümmert Yazinda noch einmal ausgiebiger um mich, Kugor und die Pferde, da wir einige schwere Wunden davongetragen hatten. Nicht weit weg von unserem Lager fand Callen eine Fischerhütte, in die wir uns einquartierten, auch wenn es zunächst zu einer kleinen Verwechslung kam. Der Fischer hielt Callen für einen Söldnerhauptmann oder ein Überfallkommando aus dem Horasreich und ließ die Garnison in Omlad von seinem Sohn alarmieren.
Des Nachts kam daher eine Wache aus Omlad, zog aber friedlich und unverrichteter Dinge wieder ab. Nicht ohne den Sohn des Fischers eine ordentliche Maulschelle wegen des Fehlalarms zu geben. Yazinda wechselte früh noch einmal unsere Verbände und hatte damit ihre Vorräte so gut wie aufgebraucht. Zum Glück bekamen wir am Morgen Besuch von Mann mit Esel und Hut auf dem Kopf, den die Garnison aus Omlat geschickt hatte. Er war wohl Heiler in der Stadt und bot uns seine Dienste an. Er trug eine modische almadanische Tracht - enge Lederhosen und ein weites Hemd. Als er sich vorstellte standen mir die Haare zu Berge. Ein Sgirra! Ich ließ den Kerl nicht an mich heran, sondern aus reiner Vorsicht nur Yazinda, denn er war tatsächlich ein entfernter Verwandter von Gorodez, dem Dämonenbeschwörer mit den schlechten Angewohnheiten, auf den ich schon in TzeTa achtgeben musste! Kugor ließ ihn allerdings unter Aufsicht die Pferde versorgen…
Allzuviel Ruhe gönnten wir uns aber trotzdem nicht. Nach einiger Zeit erreichten wir den Yaquirsteig und die Reichstraße, ab da ging es auf dem gepflasterten Weg es gut voran. Abends kamen wir nach Weinbergen. Und ein Blick in die Hügel links und rechts machte sofort klar, woher der Ort seinen Namen hatte. Ein großes Gasthaus, die Yaquirsruh, vor dem zwei Scheunen standen und eine abgetrennte Pferdekoppel Platz für die Tiere bot sollte uns als Unterkunft für die Nacht dienen. Wir waren kaum in den Hof gerollt, da wurde die Tür aufgerissen, Stallknechte kamen herbei und nahmen uns dienstbeflissen jegliche Arbeit ab. In der Scheune standen bereits drei weitere Wagen. Gerberod, die Wagenlenkerin Luca di Onerdi mit dem Zweiachser und der gepanzerte Streitwagen von Reo Conchobair hatten dort bereits Platz gefunden. Sogar eigene Waffenknechte im Wappenrock hatten sie hier als Aufpasser, so dass wir beruhigt in den Schankraum gehen konnten. Ich holte Essen für mich und Kugor, der trotzdem beim Wagen bleiben wollte und selbst den Wachen nicht traute. Praia vom Fluss kam noch nach uns an und später sogar noch Yorge mit den Nashörnern, die aber kein Platz in der Scheune fanden, sondern auf die Koppel mussten. Kugor und ich verpassten leider die die Keilerei, die sich bald im Schankraum entwickelte. Reo war wohl mit Praia und Callen aneinandergeraten, irgendetwas hatte den beiden an den Geschichten die der junge Adlige erzählte wohl nicht gefallen und die Prügelei weitete sich in Windeseile auf den ganzen Gastraum aus.
Gerberod verließ kurz danach die Herberge um keinen Ärger mit der erwarteten Wache zu bekommen. Wir nahmen uns daran ein Beispiel, folgten ihm nach und teilten uns später die Straße hinunter ein Lager mit ihm. Sogar Praia tat es ihm gleich, wie anscheinend alle anderen Rennteilnehmer. Das überraschte mich schon etwas. Aber es hatte wohl keiner Lust der Wache die verwüstete Gaststätte zu erklären…
Die Weiterfahrt nach Brig-Lo wäre kaum der Rede wert gewesen, wenn nicht Kugor sich so seltsam benommen hätte. Er war ungewohnt fröhlich, tanzte durch die Gegend und schnappte sich sogar Yazinda zu seinem fröhlichen gehopse. Ich kontrollierte meinen Rauschkrautvorrat, aber der war noch vollständig. Also war das nicht die Erklärung für sein Verhalten. Nun gut, lieber einen lustigen als griesgrämigen Zwerg… daher zog ich meine Flöte heraus und blies ein lustiges Liedchen zum Tänzchen der beiden.
Eineinhalb Tage nach dem Gasthaus kamen wir nach Brig-Lo, ein kleines Dorf das kaum der Erwähnung wert gewesen wäre, hätte dort nicht die zweite Dämonenschlacht vor etwas über 1000 Jahren stattgefunden. Auch hier säumten viele Leute mit Fahnen und Wimpeln aus dem Dorf selbst und der Umgebung die Straße als wir einfuhren. Die Menge teilte sich vor uns und bildete ein Spalier in Richtung des Vierertempels, so dass wir uns gar nicht erst Fragen mussten, wo unser Ziel sich befinden mochte. Die Statue des Herrn Praios grüßte uns schon von weitem.
Ein Geweihter der Löwin, der sich als Rondraron vorstellte, kam heraus um uns zu begrüßen und ins Innere des Tempels zu geleiten. Wir waren natürlich nicht die ersten die ihn besuchten. Vor uns war bereits Kira vom Blautann hier gewesen, Luca di Onerdi, der Norbarde Siwening, Ypollita von Gareht und heute ab Mittag Arkhos Sha, Hasrabal, Gerberod und zuletzt Boran und die Grolme. Demnach lagen wir also aktuell irgendwo im Mittelfeld des Rennens. Nicht besonders gut, aber es hätte auch schlechter sein können und einen Tag Vorsprung konnte man durchaus noch einholen. Callen bekam vom Geweihten eine Münze als Beweis das wir diese Etappe absolviert hatten auf der ein Blitz und ein geflämmtes Schwert abgebildet waren mit der umlaufenden Schrift Brig-Lo darauf. Also waren die Münzen an jedem Zielort anders…
Da es schon spät war lud uns der Geweihte zum Abendessen ein. Im Tempel standen vier kleine Statuen und er erzählte uns die Geschichte der Schlacht gegen Hela Horas. Was musste das für ein Kampf gewesen sein, wenn sich die Götter selbst dazu berufen sahen, persönlich einzugreifen? Fast wünschte ich, dass ich dies selbst hätte erleben dürfen. Und natürlich fragten wir ihn nach dem Schwertgehänge und der Geschichte Leomars, weswegen wir ja eigentlich hier waren. Das Schwertgehänge war wohl ebenfalls von Zwergen gefertigt und sogar magisch, was ich mir bei den Kurzen gar nicht richtig vorstellen konnte. Und zu seinem Verbleib verwies er uns an einen „stillen und dunklen Weggefährten“ des Heiligen, dem er es wohl übergeben hatte. Die Vermutung lag nahe, dass es sich dabei um den Boroni handelte, der ihn zur letzten Ruhe gebettet hatte.
Wir sahen uns dann noch etwas im Tempel um. Auf dem Sockel der Rondrastatue, der wohl noch im ursprünglichen Zustand war da die Statue selbst von den Priesterkaisern niedergerissen worden war, erwartete uns eine Überraschung. Yazinda und ich entdeckten sie zuerst. Dort war ein Wappen eingemeiselt, ein gespaltener Orkkopf, genau wie in der Höhle der Amazonen. Wir fragten den Geweihten danach, aber spontan konnte er uns nichts dazu erzählen, wollte aber in seinen Chroniken einmal nachlesen. Als wir uns von ihm verabschiedeten empfahl er uns das Gasthaus zum fröhlichen Pilger. Und dann trennte sich unsere Wege.
Zunächst brachten wir den Wagen zwecks einer kurzen Überholung zum örtlichen Stellmacher, rein zur Sicherheit, da wir dies ja schon in Gareth vorausgeplant hatten. Dann gingen wir zum Boroni des Dorfs, einem kleinen, älteren Mann, der uns schon zu erwarten schien und ohne Worte zu einem Buch in seinem Tempel brachte. Der 2Getreuliche und wahre Reisebericht des Bruders Golgor“, eine Übersetzung aus dem Aureliani -also wirklich alten Textes – ins Bosparano, so dass zumindest ich aber auch Yazinda den Text lesen konnten. Unsere Heilerin war erstaunlich gebildet, das musste ich anerkennen. Ihr Bosparano war sogar besser als das meine. Das Buch beschrieb die Reisen Leomars durch das und an die Ränder des bosparanischen Imperiums. Leomar war zu dieser Zeit natürlich ein Bosparaner in der Blüte seines Lebens und als Träger Siebenstreichs ein wackerer Recke. Immer wieder verwies der Chronist auf „die Feindin aus dem Osten“, ohne zu dieser Bedrohung konkreter zu werden. Am Ende des Textes erzählte er davon, wie er Leomar in einem kleinen, unbedeutenden Provinznest namens „Gareth“ zum Schlaf bettete, wo ihn die Feindin nie suchen würde, und ihn dort mit gnädigem Vergessen belegte, bis Rondra ihn zu seiner letzten Aufgabe rufen mochte. Mich machte nur erneut stutzig, dass nirgends davon die Rede war das Leomar gestorben oder gefallen war, wie man es eigentlich von einem solchen Streiter erwartet hätte. Nun ja… was allerdings ärgerlich war kam zum Schluss. Irgendwer, und ich hatte da sofort Boran im Verdacht, der als letzter vor uns hier gewesen sein musste, hatte die letzte Seite herausgeschnitten, und nach der Kante war dies noch nicht allzu lange her. Als wir dies dem Geweihten erzählten war der stumme Boroni so erregt, dass er regelrecht zu schreien und zu fluchen begann!
Es gelang uns, ihn zumindest soweit zu beruhigen, dass wir wieder vernünftige Auskunft von ihm erhalten konnten. Das Original des Buches lag wohl in Punin in den Katakomben des hohen Tempels Borons. Was jetzt nicht so schlimm war, weil wir ja ohnehin nach Punin mussten. Die letzte Seite hätte wohl eine Zeichnung Leomars enthalten sowie eine Beschreibung der Dinge, die er hinterlassen hatte. Aber das Bildnis würde sich auch in einem Boronschrein eine halbe Stunde nördlich von Brig-Lo Richtung Brindal finden. Dort wäre es in einer von einem Zedernwald umgebenen Boronkapelle in Stein gehauen und, Freude und erstaunen, sogar die Schwertscheide selbst sollte sich dort als Reliquie finden lassen. Das wäre den kleinen Umweg doch allemal wert! Mit dieser Erkenntnis sprachen wir noch ein Gebet zu Boron für die bisher auf der Wettfahrt verstorbenen Streiter Rondrina und Ifirnia, bevor wir uns auf den Weg in unsere Herberge machten.
Erfreulich war, dass wir hier in Brig-Lo vom Gastwirt als Rennteilnehmer freie Kost und Logis erhielten. Ein wahrlich götterfürchtiger und ehrbarer Mann. Nach dem Essen wollten wir noch einmal in den Vierertempel und dann bei Nacht auf das Schlachtfeld. Ich hatte schon die wundersamsten Dinge gehört, was dort des Nächtens vorgehen sollte, und das wollte ich mir natürlich persönlich ansehen. Der Rondrageweihte hatte gut recherchiert und wusste zu dem Wappen einiges zu berichten. Das Wappen gehörte dem Geschlecht derer von Wolkenstein, das auch heute noch existieren mochte. Den damaligen Herren von Wolkenstein, Itzlavo, und seine Brüder hatten die Amazonen auf dem Weg nach Punin erschlagen als er sie an die Priesterkaiser für das Kopfgeld von 1000 Dukaten verraten wollte. In seinen letzten Zügen gong er angeblich einen Pakt mit dem Namenlosen selbst ein und verdammte damit sein Geschlecht dazu, dass der Erstgeborene jeder Generation ein Diener des Rattenkinds sein musste. Aber wenn wir mehr zu dem Geschlecht wissen wollten, müssten wir wohl in der Kämmerei von Punin Einsicht in die Adelschronik und das Wappenregister nehmen. Nun, das war zumindest eine weitere Spur. Mochten am Ende noch Nachkommen dieses Geschlechts sich jetzt einbilden, unser Rennen zu sabotieren und im Namen ihres verfluchten Gottes in die heilige Queste einzugreifen? Hatte nicht sogar Gerberod davon erzählt, dass sie es schon beim letzten Donnersturmrennen versucht hatten? Die Spur war es zumindest wert, weiterverfolgt zu werden.
Auf dem Weg auf den Boronanger kam ich wieder einmal mit Kugor ins Gespräch, der damit prahlte das sein Geist so fest sei, dass er keine Angst vor Zauberei haben musste. Ich nahm das als Herausforderung und wollte ihm mit einem Paralys das Gegenteil beweisen – aber ich gestehe unumwunden… der Kurze hatte recht. Es war mir quasi unmöglich den Widerstand seines Sturschädels zu überwinden. Und mehr Kraft wollte ich in diesen Versuch zum Spaße auch nicht verschwenden. Also zollte ich ihm meinen Respekt und gratulierte ihm zu seinem eisernen Willen.
Das Schlachtfeld und die Gräber von Brig-Lo lagen im Dunkel der Nacht vor uns und strahlten tatsächlich eine ganz eigene Atmosphäre aus. Nach einigem Suchen fanden wir sogar den Einstieg zu einem der Grabhügel, die sich über das Gelände erhoben und der von vier Stelen umgeben war. Der Hügel der Vier! Auf den Stelen waren Sonne, Blitz und Rondrakamm, Hammer und Dreizack eingemeiselt. Die Kuppe des Hügels lag unter einer Platte schwarzen Glases, so als wäre der Boden hier geschmolzen worden. Wir waren gerade mit unseren Erkundungen fertig, als ich meinte hinter uns am Rande des Hügels ein Schaben zu hören und eine schattenhafte Bewegung aus der Dunkelheit auf uns zu kam. Einer… nein gleich drei Ghule die hier aus einem der Gräber gestiegen sein mussten um ihren widernatürlichen Hunger zu stillen. Keine Frage… es wäre nur borongefällig wenn wir diese Widerlichkeiten erledigten. Also stellten wir uns zum Kampf und vernichteten die ekligen Gesellen. Nur Yazinda bekam einen Kratzer ab. Warum stellte sie sich eigentlich immer wieder Gegnern, wenn sie gerüstete Gefährten hatte, die dafür besser geeignet waren? Aber egal… die Kadaver der Ghule legten wir vor dem Borontempel ab, damit der Priester gleich sah, das wir eine gute Tat getan hatten.
Am nächsten Morgen machten wir uns im Morgenrauen auf Richtung Norden gen Brindel zum Boronschrein. Wir fanden den beschriebenen Zedernwald und den gepflasterten Weg der von der Straße fort führte ohne größere Probleme. Kurz danach kam eine kleine, schwarze Kapelle in Sicht. Die Holztür, auf der ein Rabe eingeschnitzt war, stand einen Spalt weit offen und es war wie zu erwarten borongefällig still. Störend war aber der strenge Verwesungsgeruch, der in der Luft lag. Als wir in den kleinen Raum der Kapelle sahen bot sich ein erschreckender Anblick. Die Vorhänge waren heruntergerissen, Blutflecke am Boden, die Möbel zerschlagen. Eine berobte Gestalt lag aufgeschlitzt am Boden vor dem Altar, ein weiterer Toter hing kopfüber und ausgeweidet von der Decke. In die Rabenstatue auf dem Altar hatte irgend ein Frevler Zeichen eingeritzt, die ich auch ohne die Sprache zu beherrschen als Zahyad und die Zeichen A-S-F identifizieren konnte. Verfluchte Dämonenanbeter!
Eine offene Falltür führte in den Keller der Kapelle hinab. Yazinda ging neugierig voran, ich folgte direkt dahinter um sie zu beschützen. Unten fanden wir einen aufgebrochenen Schrank, darin ein schwarzes Samtkissen mit dem Abdruck eines Schwertgehänges. Das konnte doch nicht wahr sein? Wieso war der Feind uns hier anscheinend ständig einen Schritt voraus? Wir machten uns an die Spurensuche. Yazinda meinte, die Toten wären sicher bereits eine Woche nicht mehr am Leben, und so rochen sie auch. Überall im Tempel fanden sich kleine, gelbe Lehmklümpchen in welke Pflanzenreste enthielten. Für Yazinda und mich war es kein Problem das Kraut zu identifizieren – Conchinis. Und selbst das Bildnis Leomars, das hier in einer Nische gewesen sein musste, war gestohlen.
Zuerst brachten wir die Toten zurück nach Brig-Lo in den Borontempel. Dort erfuhren wir, dass es einen dritten Bruder hätte geben müssen, also fuhren wir noch einmal zurück um nach diesem zu suchen. Aber außer unseren Wagenspuren war nichts zu finden, keine weitere Leiche auch nicht um Umkreis der Kapelle oder andere Spuren die auf weitere Besucher hingedeutet hätten. Während wir uns dort umsahen ritt Yazinda noch einmal nach Brig-Lo zurück um dort Erkundigungen einzuholen. Und sie war deutlich erfolgreicher als wir. Sie suchte einen Kräuterhändler auf, der ihr eine Stelle wies, wo er früher in seiner Jugend selbst in einer sumpfigen Aue ein üppiges Conchinis-Feld entdeckt hatte. Und kürzlich waren „seltsame Gestalten“ bei ihm gewesen und hatten ihm eine größere Menge der Pflanze verkauft. Da wir ohnehin keinen anderen Hinweis hatten gingen wir diesem nach und machten uns auf, eine weitere Stunde gen Brindal.
Wir fanden den Waldweg der rechts von der Straße abzweigte und folgten ihm, mussten aber den Wagen und die Pferde bald zurücklassen, da der Pfad viel zu schmal für einen Streitwagen war. Yazinda ließen wir als Wache zurück, während Callen, Kugor und ich die Erkundung übernahmen. Es dauerte nicht lang, da stießen wir in einer Senke am Rand eines Bachs auf drei kleine Hütten die um ein Lagerfeuer standen. Ein unheimlicher Singsang war zu hören, der mich auf unangenehme Weise an das erinnerte, was ich bei der Amazonenfestung gehört hatte. Hinter den Hütten war eine lehmige Aue. Wir warteten und zählten durch. Vier leichtgerüstete mit Schnittern in bunten Rüstungen, zwei Magier in farbenfrohen Roben und zwei Knechte liefen zwischen den Hütten herum. Leute, die in dieser Gegend so gar nicht ins Bild passen wollten und ganz offensichtlich nichts Gutes im Schilde führten.
Die Magier gingen bald in eine der Hütten, aus der der Singsang ertönte. Wir zogen uns zurück zu Yazinda für eine schnelle Besprechung und um einen möglichst simplen Angriffsplan zu fassen. Nur nichts zu kompliziertes, das am Ende eh wieder schief gehen würde. Callen wollte als Reiter das Lager stürmen. Yazinda wollte mit Giftpfeilen auf die Schurken schießen, ich bot an einen Feuerball zwischen den Kerlen detonieren zu lassen, bevor wir uns im Namen der Götter auf das Pack werfen wollten. Ein Feuerball, das konnte ich aus Erfahrung sagen, war immer eine gute Lösung. Und genauso hielten wir es.
Ich erwischte drei der Söldner die um das Feuer standen mit dem Ignisphaero, dann starteten wir mit wildem Geschrei „Für Kor, das Reich und Kaiserin“ und mir rutsche unversehens noch ein „Für Rondra“ heraus, den Sturmangriff.

Ich kämpfte nach und nach die Söldner nieder. Callen hatte ein wenig Mühe, weil er im Gefecht seinen Zweihänder wegwarf und auf das Schwer ausweichen musste. Kugor nahm sich die Magier vor, die anscheinend mit seinem Sturschädel ihre liebe Mühe hatte und ein ums andere mal mit ihren unheiligen Zaubern nichts oder weniger als erhofft bei ihm ausrichteten.
Als der letzte Söldner fiel entstand auf einmal neben dem Feuer aus Asche, Laub, totem Holz und Gras ein immer größer werdender Haufen, aus dem Haufen sich kurz darauf eine 2,5 Schritt hohe vage humanoide Gestalt aus totem Humus erhob. Ein Golem! Nun… auch hier würde am ehesten manuelles bannen helfen. Ich nahm das Schild und den Streitkolben fester in die Hände und stellte mich dem Monster. Callen stieg vom Pferd, das sofort panisch davonrannte, um seinen Zweihänder aufzuheben und einen Platz an meiner Seite einzunehmen. Es dauerte ein wenig, aber letztlich schlug ich den laufenden Komposthaufen zu Klump bis er zusammenbrach.
Dann ging ich Kugor hinüber und stieß den letzten verbliebenen Magier in das von ihm selbst beschworene Pandämonium. Das geschah im Recht, dass in seine eigenen Kreaturen langsam in Stücke rissen!
Yazinda machte sich daran den anderen Magier zu heilen um ihn zu befragen. Aber als sie ihn wach bekam redete er nicht, sondern zischelte nur unverständliches Zeug. Interessanterweise verstand Kugor einzelne Worte, weil er wohl des echsischen mächtig war. Aber wieso sprachen Magier von Maraskan in einer echsischen Zunge? Da nicht mehr aus dem Frevler herauszubekommen war, wurde aber am Ende auch er seiner gerechten Strafe zugeführt.
Das Lager sah seltsamerweise so aus, als wären diese Kerle schon länger hier, vielleicht gar über ein Jahr. In der Hütte fand Kugor eine Grube in der sich nichts fand außer wimmelndem Grau, das sich immer wieder zu einer Schlange zusammensetzte, die immer wieder zerfiel. Auch hier waren am Rand die Zeichen A-S-F angebracht – und noch viele andere, die mir nichts sagten. Ich machte mich daran, die unheilige Schrift auszulöschen und bewachte dann die Grube, während Kugor sich auf die Suche nach dem fehlenden Boroni machte, den wir immer noch nicht gefunden hatten.
Er fand ihn dann in einer der anderen Hütten und flehte uns regelrecht an, wir sollten das heilige Schwertgehänge suchen, denn es sei noch jemand dagewesen, der es gestern angeblich mitgenommen hätte. Dem Worten die er gehört hatte wäre es aber ein Mittelreicher gewesen, der nicht zu den Maraskanern gehört hatte. Also war es noch weiter gestohlen worden und unserem Zugriff entzogen. Ich konnte gar nicht mehr aufhören mich zu ärgern! Auch das gestohlene Relief Leomars war nirgends aufzufinden. Aber immerhin da konnte uns der Boroni helfen, denn das Original würde sich wohl in Baktrim auf dem Boronanger, den Yaquirsteig hinauf zurück Richtung Weinbergen befinden.
Yazinda fand bei dem Magier noch einen dicken Brief. Das Schreiben roch nach Pisse, als wäre es in einer Gerberei oder von einem Gerber geschrieben worden.

Außerdem fand sich bei dem Magier noch eine Kristallkugel sowie ein Buch, vermutlich in Zahyad geschrieben. Das mochte die Magier in Punin interessieren und vielleicht unsere Reisekasse aufbessern, genauso wie die Pferde und die Waffen der Maraskaner.
Ich sagte den beiden Knechten, sie sollten die Grube zugraben. Mir war nicht wohl dabei, das hier eine offen liegende Wunde in der Welt, in der Ausläufer des Omegatherions wimmelten, einfach frei zugänglich war.
Nachdem wir Callens Pferd wieder eingefangen hatten brachten wir den Boroni und die zwei Knechte zurück nach Brig-Lo. Effektiv hatten wir eine gute Tat getan, aber einen ganzen Tag verloren.
Wir nahmen uns die Zeit und übernachteten noch einmal im ‚Fröhlichen Pilger‘ in Brig-Lo, wo sich Yazinda um die Wunden kümmerte. Langsam waren wohl auch die Nachzügler in die Stadt gekommen, denn unser guter Jorge hatte sich ebenfalls für die Nacht einquartiert. Als wir am nächsten Tag endlich aufbrachen waren wir alle bei bester Laune und hatten die Gewissheit, nicht nur auf dem richtigen Weg zu sein, sondern auch noch eine gute Tat im Namen der Götter vollbracht zu haben. Ein gutes Gefühl! Bei so viel Ablenkung mochten wir vielleicht nicht die besten Aussichten auf den Sieg haben, aber zumindest würde uns niemand vorwerfen können, dass uns der Gewinn des Rennens wichtiger als unsere Moral gewesen wäre.
Gerade als wir Brig-Lo verließen kam uns Praia vom Fluss entgegen, eine Stunde weiter die Straße hinunter auch Reo Conchobair. Also waren wir, auch mit dem verlorenen Tag, zumindest nicht bis ganz nach hinten zurückgefallen. Bei Reo konnten wir es uns aber nicht verkneifen dann doch einmal im Sinne des Wettrennens tätig zu werden – er hatte es einfach nicht geschafft Sympathiepunkte bei uns zu sammeln, eher im Gegenteil. Also fuhr Kugor die Sicheln aus, während sich die beiden Wagen mit stetig steigender Geschwindigkeit auf der Straße näherten – zum Glück waren zu dieser Stunde noch keine Händler oder unbeteiligte unterwegs. Kugor machte das diesmal auch gar nicht schlecht und als wir Reo passierten rasierte er einige ordentliche Splitter aus dessen Wagen, die sich mit einem Krachen und Schaben lösten. Im Gegenzug schoss einer von Reos Begleitern Kugor einen Pfeil in den Arm, der aber weitestgehend in seinem Kettenhemd stecken blieb. Der Rest des Tages verlief dafür dann sehr ruhig und entspannt, wir schafften es einiges an Strecke auf der Reichsstraße gut zu machen.
Am Abend erreichten wir Baktrim und ließen uns den Weg zum Boronanger am Fluss weisen – nur um dort festzustellen, dass es sich hier wohl um das falsche Gräberfeld handelte. Der Anger war viel zu neu. Einer der Bewohner Baktrims lotste uns dann auf die richtige Fährte, den alten „Friedhof der Geschlachteten“ nördlich der Stadt. Dieser lag in einem Tal zwischen den Hügeln und war von der Straße aus nicht zu sehen. Nach hinten wurde das von verfallenen und verwitterten Gräbern übersäte Tal von einer Felswand abgeschlossen, in deren Schatten sich ein schwarzes Gebäude kauerte. Als wir vorfuhren begrüßte uns ein bleicher, junger Boroni, der sich als Bruder Farugo vorstellte und uns auf höfliche nachfrage gerne zu dem gesuchten Relief und seinem Tempelältesten brachte. Von dem Relief war ich jedoch, zugegebenermaßen, etwas enttäuscht. Da hatte ich mir mehr erwartet als die sehr generische Darstellung eines Kämpfers im Streifenrock. Das Einzige, was unsere Stimmung hob, war aber, dass man die in Bosparano verfasste Inschrift auf dem Schwertgehänge ds Heiligen Leomar hier ziemlich gut lesen konnte. „Rondras Hand auf Dere“. Abgeschlossen wurde das Schwertgehänge von seltsamen Zeichen, die Kugor als Zwergenrunen identifizierte die für die Buchstaben GDB standen. Ich interpretierte das als ein Kürzel für „Geron de Barburin“. Was uns die Gewissheit gab, dass wir hier am richtigen Ort gesucht hatten.
Wir blieben dann noch etwas bei den Geweihten, mussten uns aber darauf hinweisen lassen das der Tempel ein Ort des Schweigens sei und wir nur draußen sprechen durften. Als es bereits dämmerte machten wir uns auf den Weg zurück nach Baktrim. Und dann nahm das Verhängnis seinen Lauf. Beim herausfahren aus dem Tal fuhr Kugor einen der Grabsteine um. Ich meinte, um uns herum ein bedrohliches Flüstern zu hören und vom Boden her erklangen schabende Geräusche. Um uns herum wurde der aufsteigende Nebel dichter und dichter, bis man kaum noch die Hand vor Augen zu sehen meinte. Wir verloren uns sogar gegenseitig aus den Augen und konnten uns nur noch anhand von Rufen ausmachen, während ringsum aus den Gräbern dutzende Skelete hervorbrachen. Callen und ich schafften es mit den Pferden das Tal zu verlassen, nur um festzustellen, dass wir auf dem Weg Kugor und Yazinda verloren hatte. Also drehten wir um, nicht wissend ob die beiden einen anderen Pfad genommen hatten oder eingekeilt zwischen Untoten auf Hilfe ausharrten.
Während ich wieder in den Nebel stürmte stärkte ich mich mit einem kleinen Armatrutz, was angesichts der feindlichen Übermacht auch dringend nötig war, als Callen und ich begannen uns durch die schier endlose Knochenhorde zu pflügen. Das nun folgende Gefecht war erbittert und verschwamm in einer Abfolge von Gegnern, die sich vor unsere Waffen warfen und uns im Gegenzug mit Hieben eindeckten – solange, bis Callen irgenwann zu Boden ging. Ich stellte mich mit dem Schild schützend über ihn. Rückzug wäre nicht in Frage gekommen, selbst wenn ich gewollt hätte, aber die Aussicht auf einen Sieg schien denkbar schlecht. Es waren einfach zu viele Klappergestellte. Und Kugor und Yazinda hatten wir auch nicht gefunden.
Ich konnte nicht sagen wie lange das so ging, bis ich Kugors brummelige Stimme im Nebel vernahm und ihn mit lauten Rufen zu mir lotste. Er steuerte die Blitz bis zu unserer Position, so dass Yazinda den leblosen Callen auf den Wagen ziehen konnte, damit die drei die Flucht ergreifen konnte, während ich ihren Rückzug deckte. Dennoch… früher oder später wäre vermutlich auch ich gefallen, wäre nicht auf einmal ein ruhiger, dunkler Gesang erklungen, der den Frieden Borons auf die Gräber herabrief, so dass die Skelette wieder zu Boden sanken und ihr untotes Wandeln einstellten. Auch ich fühlte mich seltsam ruhig – grabesruhig sozusagen. Callen war dem Totenreich allerdings näher als dem Leben, weswegen Kugor ihn und Yazinda nach Baktrim fuhr, während ich noch einmal die Boronis aufsuchte, solange mögliche Spuren noch frisch waren.
Diese waren gerade im Begriff den kompletten Boronanger neu einzusegnen und angesichts des vorgefallenen Frevels - so etwas war auch hier anscheinend kein alltägliches Ereignis – recht aufgebracht. Als wir sicher waren, dass keine Toten mehr umher wandelten machte ich mich mit dem jungen Geweihten und einer Laterne noch einmal auf, Spuren zwischen den aufgewühlten Gräbern zu suchen. Irgendwo musste es hier schließlich etwas wie einen Beschwörungsplatz geben. Das war keine gewöhnliche Erhebung gewesen, da war ich mir sicher. Das war ja schon fast ein Magnum Opus gewesen! Es dauerte einige Zeit, bis wir fanden was ich suchte. Auf mehreren Grabsteinen fanden sich die Reste von Wachs und abgekohlten Rabenfedern. Die Endpunkte die ich fand ergaben aber, im Gegensatz zu meiner Erwartung, kein Heptagramm, sondern so etwas wie ein umgedrehtes Boronrad. So etwas hatte ich noch nie irgendwo gesehen oder gehört. Das würde ich in Punin einmal fragen müssen, was es damit auf sich haben mochte.
Ich traf mit einiger Verspätung als letzter im Gasthaus von Baktrim ein, wo mich dafür schon ein Pils und deftiges Fleisch mit Klösen erwartete. Callen ging es trotz Yazindas Behandlung noch ziemlich schlecht, so dass wir am nächsten Morgen nicht in der Lage waren weiterzureisen, sondern sie sich weiter seiner Pflege widmen musste. Die Zeit nutzten Kugor und ich, um noch einmal auf den Boronanger zu gehen. Ich wollte sicher gehen, dass es den Geweihten gut ging. Als wir Baktrim verließen raste der leicht angesengt aussehende Zwergenwagen an uns vorbei, diesmal jedoch ohne mit dem Katapult nach uns zu feuern. Irgendetwas riefen die kurzen Gesellen in meine Richtung, aber ich konnte es nicht richtig verstehen. Nur besonders freundlich hörte es sich nicht an. Am Rand des Gräbertals blieb ich stehen um bei Lichte besehen einmal abzuschätzen, was heute Nacht geschehen war. Meine Treu… das mussten mindestens vier oder fünf Dutzend aufgewühlte Gräber sein! Nur um den Tempel herum war, wie mit einer Linie gezogen, kein Grab geöffnet. Jetzt bei Tage war es auch etwas leichter, sich nach Spuren umzusehen. Am Ort der Beschwörung fand ich diese… allerdings nur von einem einzigen Pferd. Was für ein mächtiger Paktierer oder Beschwörer musste das sein, der alleine 60 Untote erhob? Auf diesen Feind war ich wirklich gespannt… und mein treuer Streitkolben auch.
Gerade als wir uns zum gehen wenden wollten kam Praia vom Fluss herangebraust, nur um uns direkt wieder aufs heftigste anzugehen und zu beschuldigen. Ich konnte sie jedoch davon überzeugen, dass dies mitnichten unsere Schuld war, sondern wir hier die angegriffenen bzw. die helfenden gewesen waren. Am Ende, ich mag es kaum sagen, war ich mir mit ihr sogar ziemlich einig und konnte mich vernünftig mit ihr austauschen, ja ihre Vorbehalte ausräumen und etwas wie eine gemeinsame Basis finden. Auch wenn es nicht leicht war, ihre Vorbehalte gegenüber Callen und auch mir zu zerstreuen. Sie meinte am Ende sogar, dass sie es eigentlich hätte sein sollen, die mich in ihre Dienste hätte nehmen sollen, hätte sie um mich und meine Fähigkeiten gewusst. Das war, aus ihrem Mund, ja sogar so etwas wie ein Lob!
Der Mittag war schon vorbei, als wir selbst dann endlich aus Baktrim aufbrachen um weiter gen Punin zu fahren. In Weinbergen erwartete uns die nächste Überraschung in Form einer Straßensperre, die mehrere Männer und Frauen mit Fackeln und Forken errichtet hatten. Das Rasthaus „Goldene Traube“ an der Straße lag quasi in Trümmern und sie hielten jeden auf, der bei dem unseligen Vorfall vor einigen Tagen anwesend gewesen war, um sich schadlos zu halten. Nach der Keilerei zwischen Reo und Praia, bei der alle kräftig mitgemischt hatten, war Jorge wohl mit seinen Nashörnern einfach durch die Hausmauern gefahren, was die Gebäude in arge Mitleidenschaft gezogen hatte. Es bedurfte aller Überredungskunst die wir aufbringen konnten, um uns gewaltlos aus dieser Situation herauszubekommen. Natürlich hätten wir einfach durchbrechen können oder uns den Weg frei kämpfen, aber vermutlich hätte es Rondra kaum gefallen, wenn wir mit den Bauern und Wirtsleuten so umgesprungen wären. Am Ende ließ Yazinda der Meute zwei der erbeuteten maraskanischen Schnitter als „Schadensersatz“ da. Ob das jetzt eine gute Idee war den Mob mit Kriegswaffen auszustatten, sei einmal dahingestellt, aber zumindest konnten wir die Fahrt fortsetzen…
Bis zur nächsten Ortschaft schafften wir es allerdings nicht mehr, sondern mussten später in einer der zahlreichen Herbergen an der Reichsstraße noch vor Asperg übernachten. Aber das war kein großes Ungemach. Die Sommernächte waren angenehm und lau. Zu unserer rechten gluckerte friedlich der Yaquir. Und selbst in der Dämmerung waren in den Hügeln links und rechts der Straße noch Weinbauern unterwegs bei der ersten Lese. Wüsste ich es nicht besser, es hätte eine völlig friedliche Szenerie sein können. Im Schuppen sahen wir den leichten Zweispänner Sawines auf den ihr Goblin aufpasste. Es war immer wieder eine Freude, sich mit ihr auszutauschen. Sie war sich sicher, dass irgendwelche Paktierer mitfahren müssten. Alles was auf dem Weg passiert war, könnte man im Gegensatz zum Start in Barburin sonst kaum zeitlich so perfekt abstimmen. Die Frage war nur, wer könnte es sein, war vielleicht jedesmal vor uns, wenn etwas geschehen war? Wir spekulierten wild in den Abend hinein und am Ende machte ich, zumindest für mich selbst, einige Verdächtige aus. Manche allerdings eher aus dem Bauchgefühl heraus, anstatt konkrete Vorwürfe erbringen zu können. Luca di Onerdi, Hasrabal, möglicherweise Ypollita von Gareth, Dergej und natürlich den Widerling Boran. Die Grolme waren selbstverständlich auch verdächtig… aber das lag eher daran, dass es eben Grolme waren. Interessant war, das langsam sogar meine Begleiter verdacht schöpften was Sawine anging, weil sie ein ungewöhnliches Wissen über Dinge an den Tag legte, das einer gewöhnlichen Rennfahrerin wohl eher verborgen war. Aber da musste sie schon auf sich selbst achtgeben, das würde ich nicht für sie übernehmen, wenn sie da nicht etwas vorsichtiger war.
Dann begaben wir uns zur Ruhe und hatten eine friedliche Nacht. Langsam machte auch Callens Genesung Fortschritte. Weiter ging es, die Reichstraße gen Rahja über Asperg nach Omlat. In Omlat gönnten wir uns ein kleines Abendessen in der Flinken Forelle – Fischeintopf auf Weißweinbasis mit Gebranntem aus Trester - und und hörten uns nach den verräterischen Fährleuten in den Gasthäusern auf unserer Flussseite um. Die Fischer auf unserer Fähre seien oben aus Richtung Jassafheim gekommen und vom dortigen Verwalter, Dom Hermoso geschickt worden. Den Herren würden wir ja vermutlich auch noch auf dem Weg finden – die Befragung wäre dann obligatorisch.
Am nächsten Morgen ging es weiter Richtung Jassafheim. Kurz bevor wir die Stadt erreichten überholten wir den Grolmenwagen. Kugor war nur allzu leicht davon zu überzeugen, die Sicheln auszufahren. Vielleicht waren es nun endlich einmal wir, die im Sinne der Wettfahrt einen Konkurrenten ausschalten konnten! Im zweiten Anlauf zersichelte Kugor dann nicht nur das Rad, sondern gleich den halben Wagen der Grolme. Besonders stabil war diese Kiste ja nicht gebaut. Yazinda jagte dem Lenker einen Pfeil in die Brust und Callen schlug noch einmal mit dem Zweihänder hinterher, so dass der Fahrer der Grolme umkippte – aber ob er tot oder nur bewusstlos war, konnten wir nicht sagen. Die nun führerlosen Wölfe rissen den Wagen nach links und verschwanden mit dem Gefährt im Gebüsch neben der Straße. So schnell würden uns die kleinen Wichte wohl keine Probleme mehr bereiten.
In Jassafheim wollten wir eigentlich nur ein Stündchen Pause machen, als wir am Nachmittag ankamen. Auch hier erwartete uns das begeistere Volk bereits. Mehrere Hundert standen Fahnen und Wimpel schwenkend an der Straße. Für die Rast erkoren wir uns das Roten Horn. Der Wirt wartete bereits vor seinem Gasthaus und lud uns begeistert ein, als wir bei ihm anhielten. Nach einer halben Stunde kam ein edel gekleideter Mann durch die Menge zu uns, der sich als Dom Hermoso Bleichenwang vorstellte. Genau der Richtige, dann mussten wir nicht suchen! Allerdings schien es nicht so, als wäre er uns übel gesonnen. Wir tranken den besten Wein des Hauses mit ihm. Callen und der Dom aus geschliffenen Kristallpokale, wir anderen aus einfacheren Gläsern. Aber der edle Tropfen den er auffahren ließ war hervorragend. Yazinda fragte ihn nach der Fähre für Omlad, die wir genommen hatten, vergriff sich aber dem Dom gegenüber im Ton und musste daher von Callen zu den Pferden geschickt werden. Der schob die Schuld für den Hinterhalt, völlig abwegig, den Novadis in die Schuhe, die in Omlad wohnten. Das war natürlich purer Blödsinn, aber ihm schien man nicht unterstellen zu können ein Drahtzieher übler Machenschaften zu sein.
Yazinda, die sich auf dem Weg zu den Pferden befand, bemerkte als erstes, das etwas nicht stimmte. Callens Beutel und seine Goldstücke lagen herum, die Satteltasche seines Pferdes stand offen. Wir wurden bestohlen! Allerdings nicht wegen unserer Wertsachen. Die eiserne Rennmünze aus Brig-Lo fehlte. Mit scharfem Blick übersahen wir die Menschenmenge und erspähten einen jungen Almadaner der versuchte vom Hof zu fliehen. Yazinda und ich nahmen die Verfolgung durch die Gassen Jassafheims auf. Ich hätte ihn gern mit einem Paralys gestoppt, aber rennen und Zaubern gleichzeitig war gar nicht so einfach, weswegen mit der Cantus misslang. Zum Glück war Jassafheim nicht Gareht, so dass ihm irgendwann die Fluchtmöglichkeiten ausgingen. Wir stellten ihn nach einigem Gerenne in einer Sackgasse. Yazinda verhörte ihn und ich unterstützte ihre Fragen mit einem freundlichen Schlag meines Streitkolbens auf seine Kniescheibe. Einer der vor uns fahrenden hatte ihn angeheuert die Münzen der nachfolgenden zu stehlen. Es sei wohl ein Ritter aus dem Mittelreich gewesen, der neben einem Wagen her geritten war. Anhand der Beschreibung des Wagens und der Personen war ich mir recht sicher, dass es sich um einen der Begleiter Reo Conchobair’s handeln musste. Das würden wir noch mit diesen Kerlen klären, sobald wir sie eingeholt hätten. In Geldbeutel des Almadani fanden wir noch eine weitere Rennmünze, die er einem Tulamiden mit Lanzenreiterinnen, demnach also Arkos Shah, gestohlen hatte, und 10 Dukaten. Wir brachten den Dieb zurück zum Dom und übergaben ihn zwecks der weiteren Bestrafung, bevor wir dann doch weiterfuhren.
Bis Cumrat schafften wir es nicht vor Einbruch der Nacht, sondern wieder nur bis zu einem Gasthaus davor. Am nächsten Tag überholten wir kurz hinter Cumrat tatsächlich Sawine, die uns friedlich passieren ließ und gegen die wir selbstverständlich auch nichts unternahmen. Kurz vor Then passierten wir ein Gauklerlager, das neben der Straße errichtet war. Ein wahrer Hüne von Mann stand mitten auf dem Weg und forderte uns auf Stehenzubleiben. Auf Brusthöhe war sogar ein Seil zwischen zwei Bäumen quer über die Straße gespannt. Er nannte sich „Farino der Mächtige“ und wollte wissen, wer ihm entgegentrat. Callen schien nicht gerade in Verhandlungslaune zu sein und fragte: „Was soll der Schwachsinn“, bevor er an ihm vorbei ritt um das Seil durchzuschneiden. Der offensichtlich lebensmüde Hüne versuchte sogar, Callen vom Pferd zu ziehen. Das war allerdings keine besonders kluge Idee, denn Callen zog ohne viel Federlesen seinen Zweihänder und teilt erst das Seil und dann das Bein des Gauklers quasi mitten durch. Der Riese sank schreiend zu Boden, während seine Kameraden entsetzt angerannt kamen.
Callen und der Streitwagen fuhren weiter, ich hielt aber kurz an und stieg ab. Angst hatte ich vor der bunten Truppe nicht, aber ich wollte wissen wer sie beauftragt hatte. War das eine ähnliche Posse wie in Jassafheim? Schnell stellte sich heraus, nein. Es war eher ein unglückliches Missverständnis. Der große Kerl wollte lediglich eine Mitfahrt auf einem schnellen Wagen nach Then für seine Schwester, die in den Wehen lag, wie man mir erzählte. Ich ritt den anderen eilig hinterher und holte sie auch ein, aber Kugor wollte nicht umdrehen um zu helfen und wurde in seinem Starrsinn auch noch von Callen unterstütz, der die ganze Geschichte rundheraus anzweifelte, da ich die Schwangere nicht mit eigenen Augen gesehen hatte. Daher ritt ich mit Yazinda hinter mir auf dem Pferd zurück um zu helfen, während Callen und Kugor weiter nach Then fuhren, wo wir sie später treffen sollten.
Zurück bei den Wagen der Gaukler erwartete uns wirklich eine Hochschwangere, deren Fruchtblase bereits geplatzt war. Es ging los! Ich hatte Yazinda, die sofort das Kommando übernahm und die Gebärende junge Frau beruhigte, als die beste Hebamme diesseits des Yaquir angekündigt. Und sie begleitete die rau auch hervorragend, bis das Kind da war, was sicher 3 Stundengläser dauerte. Im Laufe des Geburtsvorgangs kam auch ein älterer Mann mit grauem Schnurrbart dazu, wohl der „Heiler“ der Truppe, mischte sich aber nicht ein. Währen dessen, ich stand eher nutzlos dabei und beobachtete was Yazinda tat, wurde mir auch erzählt, warum der Hüne, übrigens der Bruder der Schwangeren, so unklug gehandelt hatte. Es waren schon 3 Wagen durchgerauscht die nicht angehalten hatten, weswegen die Gaukler ein wenig verzweifelt waren. Nun, dann hatten sie wohl Glück im Unglück gehabt, dass ich sie gerne noch verhört hätte. Yazinda machte der Frau sogar noch einen Einbeerentee zur Stärkung und kümmerte sich um das Bein des Hünen, so dass er es wohl nicht verlieren mochte. Gerberod wäre sicher stolz auf uns gewesen. Das dürfte dann vermutlich unter Barmherzigkeit, also Travias Tugend gefallen sein.
Zum Abschied und Dank erhielten Yazinda und ich von den Gauklern jeder eine Kupfermünze mit einem Fuchs auf der einen und einem Halbmond auf der anderen Seite darauf. Wir seien helfende Hände und nun Freunde von Farinas Sippe. Wenn wir je die Hilfe des Reisenden Volkes bräuchten, sollen wir diese nutzen und fragen. Es war schon spät als wir uns von den Gauklern verabschiedeten und noch später - kurz vor der Boronsstunde – als wir endlich nach Then kamen wo Callen und Kugor schon im Gasthaus auf uns warteten. Einen weiteren Tag später, am 3. Boron, erreichten wir schließlich die Tore Punins. Und mir war jetzt schon schleierhaft, wie ich all das was ich mir für die Stadt vorgenommen hatte in möglichst kurzer Zeit umsetzen sollte.